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ATLAN Nr. 182 Das Wrack im Eis von H. G. EWERS Im Großen Imperium der Arkoniden schreibt man eine Zeit, die auf Terra dem 9. Jahrtausend v.Chr. entspricht. Imperator des Reiches ist Orbana‐ schol III. ein brutaler und listiger Mann, der seinen Bruder Gonozal VII. töten ließ, um selbst die Nachfolge antreten zu können. Gegen den Usurpator kämpft Atlan, der Kristallprinz des Reiches und rechtmäßiger Thronerbe, mit einer stetig wachsenden Zahl von Getreuen. Doch mit dem Tag, da der junge Atlan erstmals Ischtar begegnet, der schönen Varganin, die man die Goldene Göttin nennt, hat er noch mehr zu tun, als sich mit Orbanaschols Schergen herumzuschlagen oder nach dem »Stein der Weisen« zu suchen, dem Kleinod kosmischer Macht. Atlan – er liebt Ischtar und hat mit ihr einen Sohn gezeugt – muß sich auch der Nachstellungen Magantillikens, des Henkers der Varganen, er‐ wehren, der die Eisige Sphäre mit dem Auftrag verließ, Ischtar zu töten. Gegenwärtig befindet sich Atlan in der Gewalt des Vrentizianex, den man den Kyriliane‐Seher nennt. Atlan, der eine Sklavenrevolte gegen den wahnsinnigen Seher angezettelt hat, um seine Freiheit wiederzuerlangen, wird nach dem Scheitern der Revolte von Vrentizianex inmitten der Schneewüste ausgesetzt und dem Kältetod überantwortet. Atlans einzige Chance ist DAS WRACK IM EIS… Die Hauptpersonen des Romans: Atlan – Der Kristallprinz führt einen aussichtslosen Kampf. Vrentizianex – Ein varganischer Mutant. Woogie – Ein Sklave wird Atlans Gefährte. Grek‐1 – Kommandant eines Schlachtschiffs der Maahks.
1. Die Lähmung fiel allmählich von mir ab, und ich konnte mich so bewe‐ gen, daß ich wieder in der Lage war, meine Umgebung zu überschauen. Als erstes sah ich durch eine transparente Wandung hindurch dichte schneeweiße Wolken und einen hellen gelblichen Fleck, der hindurch‐ schien. Dann erblickte ich zwei Lebewesen. Das eine war eines jener hellhäutigen Wesen, die im Palast des Kyriliane‐Sehers als Sklaven fungierten. Und das andere war der Seher Vrentizianex selbst, groß und massig, mit metallisch schimmernder bronzefarbener Haut, Händen, die wie große Krallen aussahen und einem mit dem Kopf verwachsenen Schuppenhut. Er trug noch immer sein Gewand aus rotem Samt. Irgendwie mußte Vrentizianex trotz seiner Blindheit gemerkt haben, daß die Paralyse von mir abgefallen war, denn er wandte mir plötzlich sein Gesicht zu. Ich blickte in die beiden funkelnden Kristalle, mit denen seine Augenhöhlen ausgefüllt waren. Ein trauriges Lächeln huschte über das entstellte Gesicht, dann sagte der Vargane mit leiser Stimme: »Du wolltest nicht in meinem Palast bleiben, Atlan. Gut, du sollst deinen Willen haben. Ich bringe dich fort.« Er sprach wieder diese seltsame Sprache, die ich am Anfang nicht ver‐ standen hatte. Erst durch eine Hypnoschulung hatte ich gelernt, die Spra‐ che des Sehers wie meine eigene Sprache zu gebrauchen und zu verstehen. »Wohin bringst du mich?« fragte ich. Vrentizianex machte eine umfassende Bewegung mit einer Hand; mit der anderen Hand steuerte er das Fahrzeug, das, wie ich erkannte, ein Gleiter war. »Ich setze dich im Gebirge aus«, antwortete der Seher. »Dort wirst du frei sein, wie du es wolltest.« Ich richtete mich auf und warf einen Blick durch die teilweise durchsich‐ tige Wandung des Gleiters nach unten. Was ich sah, ließ mich erschaudern. Unter uns erstreckte sich, soweit das
Auge zu blicken vermochte, ein schnee‐ und eisbedecktes Gebirge. »Alles hat seinen Preis«, erklärte der Seher… »Auch die Freiheit. Aber du wirst nicht allein sein müssen. Ich gebe dir Woogie…«, er deutete mit einer schwachen Kopfbewegung auf das hellhäutige Wesen, »… als Begleiter mit. Außerdem erhaltet ihr Nahrung für einen Tag.« Ich warf einen skeptischen Blick auf den Sklaven, der nur etwa einen Me‐ ter groß und – wie ich aus Erfahrung wußte – wie alle seine Artgenossen nicht sehr intelligent war. Er würde mir bestimmt keine große Hilfe sein. Dann sah ich an mir herab. Ich trug jetzt nur die einfache Bordkombina‐ tion der Arkon‐Raumfahrer, aber nichts mehr von meiner wertvollen Aus‐ rüstung und auch keine Waffen. Es war sehr unwahrscheinlich, daß ich in dieser Kleidung und mit Nahrungsmitteln für nur einen Tag in der eisigen Schneewüste dort unten länger als anderthalb Tage überleben würde. »Damit verurteilst du mich zum Tode, Vrentizianex!« protestierte ich. »Warum gibst du mir nicht eine bessere, eine echte Chance?« Die kristallenen Augen des Sehers funkelten und glitzerten, als wären sie auf geheimnisvolle Art am Leben. »Du hast noch eine Chance, Atlan«, antwortete er leise. »In der Nähe des Platzes, an dem ich dich und Woogie aussetzen werde, liegt ein altes var‐ ganisches Raumschiff – mein Raumschiff. Ich habe es seit undenklichen Zeiten nicht mehr benutzt, aber wenn du es erreichst, wirst du dort überle‐ ben können.« Die Chance, das Raumschiff zu erreichen und dort zu überleben, kann nicht sehr groß sein! raunte mir der Logiksektor meines Extrahirns zu. Vrentizianex ist psychisch krank, und seinem kranken Hirn kann nur eine neue Teufelei eingefallen sein! Ich überdachte den Einwand und kam zu dem Schluß, daß ich eine Teu‐ felei des Sehers nicht ausschließen durfte. Folglich mußte ich versuchen, ihn in einem günstigen Augenblick zu überwältigen. Dann konnte ich mit dem Gleiter in seinen Palast zurückkehren und mir die Mittel beschaffen, die notwendig waren, um zu Ischtar zurückzukehren oder nach Kraumon zu Fartuloon und meinen anderen Freunden. Scheinbar jedoch ergab ich mich in mein Schicksal. Ich blickte resigniert vor mich hin und warf ab und zu einen flüchtigen Blick auf die Schnee‐ landschaft unter uns. Nach kurzer Zeit setzte der Vargane zur Landung an. Ein Hügel wuchs
uns scheinbar entgegen, dann setzte das Fahrzeug auf. Vrentizianex deutete mit einer Krallenhand auf die Tür, die sich geöffnet hatte und durch die eisige Luft hereinwehte. »Geht!« befahl er. Ich tat so, als wollte ich auf die Tür zugehen. Im letzten Augenblick wir‐ belte ich herum und sprang den Seher an. Dummerweise lief mir in diesem Augenblick Woogie in den Weg. Wir stießen zusammen, und ich stürzte. Als ich mich wieder aufrichtete, traf die zur Faust geballte Krallenhand des Sehers mein Gesicht. Ich flog zurück, prallte gegen den Türrahmen und wollte mich erneut auf den Varganen stürzen. Doch Vrentizianex hatte inzwischen Woogie gepackt und schleuderte ihn mit voller Wucht gegen mich. Der Anprall des lebenden Wurfgeschosses fegte mich aus dem Gleiter. Ich fiel in den Schnee und versank bis zu den Knien darin. Bevor ich mich wieder aufgerappelt hatte, flog Woogie mir nach. Die Tür des Gleiters schloß sich, und das Fahrzeug startete senkrecht und tauchte in die Wol‐ kendecke ein. Zitternd vor Zorn und Enttäuschung blickte ich nach oben, dann wandte ich mich um und unterzog das Gelände einer genauen Musterung. Dabei beruhigte ich mich allmählich wieder. Neben mir wühlte sich Woogie aus dem Schnee. Tränen liefen über sein bleiches Gesicht. »Noch leben wir, Woogie«, versuchte ich das Wesen zu trösten. »So lange man lebt, braucht man nicht aufzugeben. Vielleicht sollten wir zu Fuß zum Palast des Sehers zurückkehren.« »Nein, nein!« erwiderte Woogie mit schriller Stimme. »Der Herr würde uns töten!« Damit ist zu rechnen! teilte mir mein Extrahirn mit. Außerdem dürfte der Weg zum Palast des Sehers zu weit für einen Fußmarsch sein. Ihr würdet unter‐ wegs zusammenbrechen und erfrieren. Ich holte tief Luft und merkte dabei, daß es hier und jetzt nicht so kalt war, daß wir erfrieren könnten – jedenfalls nicht, solange wir Nahrung besaßen, um unseren Stoffwechsel aufzuheizen. Allerdings würde es nachts viel kälter werden. »Wir brauchen einen Platz, von dem aus wir das Gelände übersehen könnten«, erklärte ich und deutete auf einen Berg, der in der Nähe aufrag‐
te. »Diesen Berg beispielsweise. Verlieren wir keine Zeit!« * Als wir den Fuß des Berges erreicht hatten, hielt ich nach der besten Auf‐ stiegsmöglichkeit Ausschau. Woogie stand teilnahmslos neben mir. Er war die ganze Zeit über schweigend hinter mir hergetrottet. Wahrscheinlich war er durch sein Sklavendasein abgestumpft und hatte sich damit abgefunden, in Schnee und Eis zu sterben. Aber ich war nicht gewillt, mich damit abzufinden. Ich würde bis zum letzten Atemzug gegen den weißen Tod kämpfen, denn ich hatte ein Ziel, und wenn ich es erreichen wollte, mußte ich überleben. Endlich glaubte ich, eine günstige Aufstiegsmöglichkeit entdeckt zu ha‐ ben. Ich setzte mich in Bewegung und stieg einen schneebedeckten Hang hinauf. Es war beschwerlich, da ich bei jedem Schritt bis zum Knie im Schnee versank. Auf halber Höhe drehte ich mich um und blickte zurück. Woogie stand noch immer dort, wo ich ihn verlassen hatte. Er war wirk‐ lich keine große Hilfe für mich. Doch ich durfte ihn nicht einfach seinem Schicksal überlassen. »Woogie!« rief ich. »Worauf wartest du! Komm endlich!« Das Wesen schrak auf, dann setzte es sich in Bewegung. Möglicherweise war es durch sein früheres Sklavendasein so unselbständig geworden, daß es zu keiner eigenen Initiative mehr fähig war. Ich würde es als Sklaven behandeln müssen, wenn ich wollte, daß es mit mir kam und nicht elend zugrunde ging. Woogie arbeitete sich den Hang herauf und hatte mich bald erreicht. Ich nickte ihm zu, dann ging ich weiter. Nach einiger Zeit erreichten wir einen Steilhang, den wir nicht hätten bewältigen können, wenn sich nicht ein schmales Felsband, schräg auf‐ wärts führend, an ihm entlanggewunden hätte. Allerdings war das Felsband uneben und eisbedeckt, und schon nach wenigen Metern glitt ich aus und wäre um ein Haar abgestürzt. Im letzten
Augenblick konnte Woogie mich festhalten. »Danke!« sagte ich, nachdem ich mich vom ersten Schreck erholt hatte. Der kleine Bursche war also doch ein brauchbarer Gefährte. Auch im weiteren Verlauf des Aufstiegs bewies Woogie, daß ich ihm zuwenig zugetraut hatte. Er bewegte sich sehr geschickt über das Felsband, und ich lernte sogar von ihm, daß es günstiger war, auf allen vieren über das glatte Band zu kriechen anstatt aufrecht zu gehen. Dennoch waren wir beide froh, als wir den Steilhang bewältigt hatten. Vor uns lag eine nur schwach ansteigende Felsschulter, und dahinter kam die eigentliche Gipfelregion des Berges. Unsere Freude währte jedoch nicht lange. Auf der Felsschulter lag, was zu erwarten gewesen war, eine viel höhere Schneedecke als auf den Hän‐ gen. Ich Versank oft bis zur Hüfte und mußte mich sehr mühsam voran‐ kämpfen. Woogie erging es noch schlechter. Er versank manchmal bis un‐ ter die Achseln im Schnee. Als ich mich nach dem ersten Drittel der Strecke umdrehte, war der klei‐ ne Bursche sogar ganz verschwunden. »Woogie?« rief ich. Keine Antwort. Ich rief noch einige Male, dann sah ich ein, daß ich es auf mich nehmen mußte, den beschwerlichen Weg bis zu Woogie zurückzugehen. Schließlich konnte ich ihn nicht sich selbst überlassen. Zwischendurch rief ich immer wieder nach meinem Gefährten, aber Woogie antwortete nicht. Als ich plötzlich ein Loch im Schnee entdeckte, ahnte ich, was geschehen war. Äußerst vorsichtig tastete ich mich an das Loch heran, das sich nur ein paar Schritt weit von meiner alten Spur befand. Als mein linker Fuß keinen Halt mehr fand, warf ich mich zurück. Schweratmend hockte ich im tiefen Schnee und überlegte. Woogie mußte in eine Felsspalte gestürzt sein, als er von meiner Spur abgewichen war. Ich mußte daran denken, daß ich ebenso dort unten lie‐ gen konnte, denn von der Felsspalte war ja nichts zu sehen gewesen. Vielleicht war Woogie tot. Aber sicher konnte ich dessen nicht sein, auch wenn er mir nicht antwortete. Er mochte nur das Bewußtsein verloren ha‐ ben und würde elend zugrunde gehen, wenn ich ihm nicht half. Aber wie sollte ich ihm helfen?
Ich besaß weder ein Seil noch Kletterhaken, ja nicht einmal eine Stange, mit der ich ihn – vielleicht – erreichen konnte. Durfte ich es riskieren, ohne Hilfsmittel den Abstieg in die Felsspalte zu wagen und dabei ebenfalls abzustürzen? War nicht die Mission, die noch vor mir lag, weitaus wichtiger als das Leben eines nur schwach intelligen‐ ten Wesens? Die Erhaltung deines eigenen Lebens hat den Vorrang! raunte mir mein Lo‐ giksektor zu. Aber ich hatte nicht vor, auf diesen Rat zu hören. Er war zwar logisch begründbar, aber auch nur dann, wenn ich den großen Rahmen übersah, in dem die Ursachen und Wirkungen aller kosmischen Dinge eingesponnen sind. Den aber konnte ich infolge meiner Bildung nicht übersehen, und eine der logischen Folgerungen, die sich aus diesem Überblick ergaben, war die, daß intelligente Lebewesen sich gegenseitig helfen müssen, und zwar mit der zwingenden Notwendigkeit eines Naturgesetzes, da Einzel‐ wesen nicht ohne die Gemeinschaft existieren konnten und Ausbrüche aus den Gesetzmäßigkeiten sich schädlich auf die Gemeinschaften auswirken mußten. In diesem Sinne war es logisch, Woogie unter allen Umständen zu helfen, es zumindest zu versuchen, ganz abgesehen davon, daß es dafür auch ei‐ nen gefühlsmäßig bedingten Beweggrund gab. Ich machte mich daran, zuerst den Schnee mit den Händen wegzuschau‐ feln, bis ich den felsigen Rand des Loches selbst erkennen konnte. Es war ein gezackter Rand, und die Wandung darunter wies ebenfalls zahlreiche Vorsprünge auf, die ich als Kletterhilfen benutzen konnte. Allerdings konnte ich nur etwa drei Meter weit sehen. Darunter lag Dunkelheit. Wieder rief ich – und diesmal antwortete Woogie, wenn auch nur mit ei‐ nem schmerzlichen Stöhnen. Immerhin bewies mir das Stöhnen, daß der Bursche noch lebte, und das spornte mich zu noch größerer Leistung an. Dennoch nahm ich mir viel Zeit, denn ich konnte Woogie nur helfen, wenn ich unverletzt unten ankam. Behutsam arbeitete ich mich hinunter. Die Öffnung über mir wurde zu einem immer kleineren Lichtfleck – und plötzlich ertasteten meine Füße festen Grund. Vorsichtig stellte ich beide Füße auf den Grund, wartete einen Moment
und ließ erst dann die Vorsprünge los, die ich bis dahin mit beiden Händen umklammert hatte. Danach tat ich einen vorsichtigen Schritt. Ich stieß gegen etwas Weiches, bückte mich und konnte Woogies Körper ertasten. »Bist du verletzt?« fragte ich. Woogie stöhnte abermals, dann sagte er: »Mein Kopf!« Ich tastete nach Woogies Kopf, fühlte das Gesicht, den Schädel und konn‐ te bald darauf eine mächtige Beule entdecken, die sich an Woogies Hinter‐ kopf gebildet hatte. Dann tastete ich seine Arme und Beine ab, die jedoch nicht gebrochen waren. »Du hast nur eine Beule am Kopf, weiter nichts«, sagte ich. »Wenn du nicht hier erfrieren willst, mußt du dich schon aufraffen. Ich helfe dir, aus der Spalte zu kommen.« Es dauerte noch eine Weile, bis Woogie sich so weit erholt hatte, daß er meinem Rat folgen konnte. Dann aber brauchte er meine Hilfe kaum noch. Wir erreichten den Rand der Spalte gleichzeitig, krochen ein Stück weiter und befanden uns wieder in Sicherheit. Besorgt musterte ich Woogie. Doch der kleine Bursche schien einen har‐ ten Schädel zu haben. Er hatte sich von dem Sturz erstaunlich gut und schnell erholt. Nach kurzer Rast marschierten wir weiter. Wir erreichten den Gipfelauf‐ stieg, als die Sonne versank. Kurz darauf fegte ein eisiger Wind übers Ge‐ lände, und wenig später begann es zu schneien. Aus dem Schneefall wurde ein regelrechter Schneesturm. Es war unmög‐ lich geworden, den Gipfel zu besteigen. Statt dessen mußten wir befürch‐ ten, im Schneesturm zu erfrieren, da er unsere Kleidung durchdrang und uns stark auskühlte. Glücklicherweise hatte ich bei Tageslicht einen Schneewall gesehen, der sich etwa fünfzig Schritt links von uns auftürmte. Wenn es uns gelang, ihn zu erreichen und uns darin einen Unterschlupf zu bauen, konnten wir die Nacht vielleicht überleben. Ich teilte meine Überlegungen Woogie mit. Der kleine Bursche faßte sie als Befehl auf, was ich stillschweigend akzeptierte, denn es erleichterte in diesem Fall unsere Situation erheblich. Wir kämpften uns durch den Schneesturm.
* Es war die Hölle. Um uns tobte und brauste der Sturm, peitschte uns Schneekristalle ins Gesicht und nahm uns den Atem. Wir hielten uns an den Händen, um uns nicht zu verlieren. Endlich hatten wir den Schneewall erreicht. Wir stürzten uns wie Berser‐ ker auf den weißen Hügel, der nur deshalb nicht vom Sturm weggeblasen worden war, weil eine fingerdicke Eiskruste ihn überzog. Nachdem wir die Eiskruste durchbrochen hatten, wühlten wir uns einen etwa fünf Meter langen Gang. Danach waren wir so ausgepumpt, daß wir uns einfach fallen ließen. Ich mußte in dem Augenblick eingeschlafen sein, als ich zu Boden sank, denn als ich erwachte, war das das letzte, an das ich mich erinnerte. Ich setzte mich auf und lauschte eine Weile dem Heulen des Schneesturms, dann fiel mir auf, daß ich außer meinen eigenen keine A‐ temzüge hörte. Ich tastete um mich, konnte Woogie aber nicht finden, obwohl die Höhle so eng war, daß er nicht aus meiner Reichweite gekrochen sein konnte. Es sei denn, in Richtung Ausgang. »Woogie?« rief ich fragend. Niemand antwortete. Ich stieß eine Verwünschung aus. Wenn Woogie die Höhle verlassen ha‐ ben sollte, dann war er verloren, und diesmal, so nahm ich mir vor, riskier‐ te ich mein Leben nicht, um ihm zu helfen. Dennoch hielt ich die Ungewißheit nicht lange aus. Ich kroch durch den Stollen zurück. Der Eingang war zur Hälfte zuge‐ schneit, und in der Wehe fand sich tatsächlich die Spur Woogies. Der klei‐ ne Bursche mußte aus unerfindlichen Gründen ins Freie gekrochen sein. Möglicherweise war er längst erfroren. Ich kroch ein Stück weiter und stellte mit einemmal fest, daß es gar nicht mehr schneite. Nur der Sturm tobte mit unverminderter Heftigkeit. Ich kroch aus der Schneehöhle und wäre beinahe von der Gewalt des Sturmes umgerissen worden. Seltsamerweise war es nicht mehr stockdun‐
kel, und als ich aufblickte, erkannte ich den Grund dafür. Der Sturm hatte die Wolken hinweggefegt. Der Himmel war völlig klar, und von seiner so endlich erscheinenden und doch unendlichen Wölbung herab funkelten und glitzerten Tausende von Sternen in klarer kalter Pracht. Lange hielt ich mich bei dem Anblick allerdings nicht auf, denn es war eisig kalt. Ich schaute mich um, ohne Hoffnung, Woogie dadurch finden zu kön‐ nen. Er war so gut wie verloren, denn ich konnte bei diesem eiskalten Wind nicht lange im Freien bleiben, ohne zu einem Eiszapfen zu erstarren. Sehr verwundert war ich, den reglosen Körper meines Begleiters nur we‐ nige Schritte entfernt im Schnee liegen zu sehen. Mit klappernden Zähnen stapfte ich hinüber, packte den Burschen unter den Schultern und schleifte ihn in die relative Wärme und Geborgenheit der Schneehöhle zurück. Als ich nach seinem Puls tastete, spürte ich ihn zwar langsam, aber doch regelmäßig schlagen. Ich nahm Schnee und rieb sein Gesicht kräftig damit ein. Nach einiger Zeit kam der kleine Kerl wieder zu sich. »Was hattest du dir dabei gedacht, einfach hinauszugehen?« fuhr ich ihn zornig an. »Wenn ich nicht rechtzeitig erwacht wäre, wärst du schon tot.« Aber Woogie antwortete nicht. Er blickte mich nur ängstlich aus seinen großen Augen an. »Ab sofort handelst du nur noch mit meiner ausdrücklichen Erlaubnis!« befahl ich ihm. »Ist das klar?« »Ja, Herr!« antwortete Woogie schüchtern. Ich war überzeugt davon, daß er gehorchen würde, deshalb versuchte ich, wieder einzuschlafen, denn ich würde morgen alle Energiereserven brauchen, die mein Körper aufzubieten hatte. Doch es gelang mir nicht. Die Ereignisse, die dazu geführt hatten, daß ich schließlich in einer engen Schneehöhle auf einem unbekannten Planeten gelandet war, zogen wie ein Trivideofilm an meinem geistigen Auge vorbei. Ich grübelte darüber nach, was aus Ischtar, aus Fartuloon und meinen anderen Gefährten geworden war, und da ich keine Antwort darauf fand, wurde ich so unruhig, daß ich am liebsten gleich aufgebrochen wäre.
Aber noch immer tobte draußen der eisige Sturm, und solange er wehte, würde ich innerhalb kurzer Zeit draußen erfrieren. Ich mußte meine Unge‐ duld bezähmen und warten, bis der Sturm nachließ und es Tag geworden war. Wenn die Sonne schien, würde es auch wärmer werden. Etwas neidisch horchte ich auf Woogie, der fest eingeschlafen war und tief und ruhig atmete. Manchmal hatten fehlendes Wissen und geringe Intelligenz auch ihre unbestreitbaren Vorteile. Wer nicht über den Rahmen der eigenen Existenz hinausblicken konnte, dem wurden dadurch viel Un‐ ruhe, Ungeduld und Ängste erspart. Aber trotz allem wollte ich nicht mit Woogie tauschen. Endlich wurde das schrille Heulen des Sturmes leiser, sank zu einem Winseln ab und erstarb schließlich ganz. Als ich aus der Höhle trat und mich umschaute, sah ich die Sonne aufge‐ hen und die Gipfel wie in roter Feuersglut baden. Aber ich sah auch die riesige Weite der Gebirgslandschaft. Kein anderes Lebewesen ließ sich sehen. Wahrscheinlich befanden sich außer Woogie und mir nur der var‐ ganische Seher und seine Sklaven auf diesem Planeten. Ich kehrte in die Höhle zurück und weckte Woogie. Wir aßen etwas von den Vorräten, die Vrentizianex uns überlassen hatte, und tranken eine tee‐ ähnliche Flüssigkeit aus dem Isolierbehälter. Danach brachen wir auf. Der Aufstieg zum Gipfel erwies sich als schwieriger, als es am Tage zu‐ vor ausgesehen hatte. Der Sturm hatte hohe Schneewälle an den flachen Stellen des Hanges zusammengetrieben, die sich unter der Sonnenbestrah‐ lung erwärmten und sich nicht halten konnten. Einmal donnerte eine mächtige Schneelawine dicht an uns vorüber und hüllte uns in eine Wolke von Schneestaub. Wir mußten die Gesichter zwi‐ schen den Armen bergen, um nicht zu ersticken. Als die Lawine verschwunden war, krochen wir aus der staubfeinen Schneewehe, die uns zugedeckt hatte, und setzten unverdrossen den Auf‐ stieg fort. Und endlich hatten wir den Gipfel erreicht. Ich reckte und dehnte mich in der frostklaren Luft, die angenehm durch die wärmenden Sonnenstrahlen gemildert wurde. Vom Gipfel aus blickte ich weit über die eisige Gebirgslandschaft. So weit das Auge reichte, sah ich eisbedeckte Gipfel, dazwischen Täler und schneebedeckte Hochebenen. Dann fiel mein Blick in das Tal auf der anderen Seite – und ich spürte,
wie sich alles in mir zusammenkrampfte. Denn auf der Oberfläche des gewaltigen Gletschers, der sich schlängelnd durch das Tal wand, lag ein langes, walzenförmiges Gebilde, dessen For‐ men mir nur zu gut bekannt waren. Ein Raumschiff der Maahks! 2. Ich stand fast eine ganze Minute lang wie erstarrt auf dem Berggipfel und starrte unbewegt auf das riesige schwarze Walzengebilde. Ein Großkampfschiff der Maahks, der Erzfeinde des Großen Imperiums, war das letzte, was ich auf diesem Planeten zu sehen erwartet hatte. Ich spürte, wie der Haß auf diese Wasserstoff atmenden Intelligenzen in mir hochstieg und die klare Überlegung zurückzudrängen drohte. Der Haß verstärkte sich noch, als ich die Gestalten sah, die von hier oben insekten‐ haft klein wirkten und um das Schiff herumwimmelten: Die Besatzungs‐ mitglieder des Maahkschiffes. Die Maahks machten sich an einer riesigen Ausgrabungsstelle auf der Mittelmoräne des Gletschers zu schaffen. Dort standen große Energiefräsen und Saugstrahlbagger mit Druckkabinen und legten etwas frei, das ich zuerst nicht erkennen konnte. Als ich es aber dann doch erkannte, verstärkte sich mein Haß auf die Maahks noch mehr, denn das, was sie dort auszugraben im Begriff waren, war nach dem, was ich davon bisher sehen konnte, ein varganisches Dop‐ pelpyramidenschiff. Das Raumschiff des Sehers? Es ist anzunehmen, daß es sich um das Raumschiff des Sehers handelt! teilte mir mein Extrasinn mit. Vrentizianex dürfte nur dieses eine Schiff besessen ha‐ ben. Aber es ist auch als sicher anzusehen, daß Vrentizianex von der Anwesenheit der Maahks wußte. Das leuchtete mir ein. Vrentizianex hatte mir also doch eine Falle gestellt. Es erschien mir ty‐ pisch für den Seher, daß er ein Raumschiff verschenkte, von dem er wußte, daß er selbst nicht mehr darüber verfügen konnte. Aber es wäre sinnlos gewesen, sich darüber aufzuregen.
Dieses Raumschiff bedeutete für Woogie und mich die einzige Möglich‐ keit zum Überleben. Folglich mußten wir dort hinab und versuchen, in das Varganenschiff einzudringen. Und das, obwohl es dort unten von Maahks wimmelte, die bestimmt nicht zimperlich mit einem Arkoniden umgehen würden. Immerhin befan‐ den sich das Große Imperium und das Sternenreich der Maahks im Kriegs‐ zustand – und dieser Krieg war der erbittertste und erbarmungsloseste, der je zwischen den Sternen geführt worden war. Ein Krieg, in dem wir Arkoniden längst untergegangen wären, wenn wir infolge von Schock und Furcht nicht längst einen mörderischen Haß auf den Todfeind entwickelt hätten, der allein uns dazu befähigte, im Kampf notfalls den eigenen Tod einzukalkulieren, wenn nur dem Feind dadurch Verluste zugefügt werden konnten. In deinem Fall ist Haß ein schlechter Ratgeber! teilte mir mein Logiksektor mit. Ein einzelner Mann kann mit Haß gegen ein ganzes Raumschiff voller Feinde nichts erreichen, noch dazu, wenn er die Pflicht hat, dafür zu sorgen, daß er selbst überlebt. Diese Argumentation war von so zwingender Logik, daß ich mit aller Kraft gegen meinen Haß ankämpfte und ihn schließlich überwand. Endlich hatte ich meine klare Überlegung zurückgewonnen. Ich wandte mich um und sah, daß Woogie ebenfalls auf das Raumschiff im Gletschertal starrte. Als er meinen Blick bemerkte, erwiderte er ihn und fragte: »Freunde?« »Nein, Feinde«, antwortete ich. »Wenn sie uns entdecken, werden sie uns töten. Dennoch müssen wir hinunter, denn das alte Raumschiff der Varga‐ nen ist unsere einzige Möglichkeit zum Überleben.« Woogie machte ein ängstliches Gesicht. »Aber wenn wir zu dem Schiff gehen, muß man uns entdecken«, wandte er ein. »Nur, wenn wir offen an die Ausgrabungsstelle gehen«, erwiderte ich. »Wir müssen bei Tag hinab ins Tal, aber an eine Stelle, wo die Maahks – so heißen die Lebewesen aus dem schwarzen Walzenschiff – uns nicht sehen können. Dort warten wir den Einbruch der Dunkelheit ab, dann schleichen wir uns an.« Ich deutete auf die diesseitige Wallmoräne, die sich neben dem Gletscher
hinzog und einen hohen Wall aus Geröll bildete. »Hinter diesem Wall können wir uns verborgen halten«, erklärte ich. »Al‐ lerdings dürfen wir nicht an dieser Seite des Berges absteigen, sondern müssen den Weg zurückgehen, den wir gekommen sind. Dann umgehen wir den Berg und pirschen uns an die Seitenmoräne an.« Ich überlegte, ob ich den Burschen überhaupt mitnehmen sollte, denn dort unten würde er genauso in Gefahr sein wie ich. Er würde mir gegen‐ über sogar im Nachteil sein, da er keinerlei Kampferfahrung besaß und erst recht nicht wußte, was bei der Annäherung an Maahks besonders zu be‐ achten war. Doch ich hatte keine Wahl. Ließ ich Woogie hier zurück, kam er niemals in das varganische Raumschiff hinein und würde die nächste Nacht nicht überleben. Folglich mußte ich ihn mitnehmen. Er erhob auch keinerlei Einwände, sondern folgte mir, als ich mich an den Abstieg machte. Hinab ging es etwas leichter als hinauf, da wir auf den flachen Eisfeldern rutschen konnten. Dennoch schwitzten wir, als wir den Fuß des Berges erreicht hatten. Aber von nun an ging es besser voran. Wir marschierten durch ein schmales Tal, das teilweise vom Sturm schneefrei geblasen worden war, kämpften uns durch einige hohe Schneewehen und erreichten am frühen Nachmittag den Steinwall der Seitenmoräne. Als ich mich vorsichtig über den Wall schob und zu den Maahks spähte, sah ich, daß sie ihre Ausgrabungsarbeiten intensiviert hatten. Noch mehr Energiefräsen, Saugstrahlbagger und Antigravheber waren aus dem Wal‐ zenschiff zur Ausgrabungsstelle gebracht worden, und ihr Arbeitslärm dröhnte bis zu uns herüber. Die Maahks wollen das Varganenschiff bergen! teilte mein Extrahirn mir mit. Ich starrte hinüber und kämpfte erneut gegen den aufsteigenden Haß an. Eine neue Überlegung brach sich Bahn. Wenn es den Wasserstoffatmern gelingen sollte, das Raumschiff des Se‐ hers zu bergen und dessen technische Anlagen, die sowohl denen der Maahks als auch denen der Arkoniden hoch überlegen waren, zu ergrün‐ den, dann würden sie diese Technik in großem Maßstab einsetzen. Damit aber würde der Untergang des Großen Imperiums besiegelt sein. Folglich kam es nicht mehr allein darauf an, daß Woogie und ich in dem Varganenschiff die Möglichkeit fanden, selbst zu überleben. Wir mußten
außerdem verhindern, daß die Maahks die Technik der Varganen unter‐ suchten und für ihre Zwecke nutzten. Das bedeutete, ich mußte kämpfen. Nach Möglichkeit hatte ich das Wal‐ zenschiff der Maahks so zu beschädigen, daß es mit Bordmitteln nicht mehr repariert werden konnte, und auch die Hyperfunkanlage mußte ich unbrauchbar machen. Dann würden die Maahks für immer auf diesen Planeten verbannt bleiben. Noch besser würde es natürlich sein, ich konnte das Schiff mitsamt allen Maahks in die Luft sprengen. Wenn sie überlebten, bestand immer die Gefahr, daß sie den Palast des Sehers entdeckten und dort die Möglichkeit fanden, über Hyperkom einen Notruf auszustrahlen. Sicher befanden sich andere Maahkschiffe in Funkreichweite. Ich kannte die Taktik der Maahks. Sie schickten ständig Aufklärungsverbände in Re‐ gionen der Galaxis, die von ihnen noch nicht erforscht waren. Diese Ver‐ bände teilten sich einen bestimmten Raumsektor in Suchkuben auf, und jedes einzelne Schiff flog einige Dutzend Sonnensysteme an, um auf even‐ tuellen Sauerstoffplaneten nach arkonidischen Stationen oder Stützpunkten zu suchen. Fand eines ihrer Schiffe einen Stützpunkt, den es nicht allein vernichten konnte, rief es über Funk eines oder mehrere der anderen Schiffe herbei. Das bedingte natürlich, daß die anderen Schiffe über Hyperfunk erreichbar sein mußten. Bei dem im Tal gelandeten Walzenschiff konnte es sich nur um ein sol‐ ches Suchschiff handeln. Es gehörte jedenfalls zum entsprechenden Typ. Es hatte sich zweifellos in einen Orbit um diesen Planeten begeben, um mit seinen Ortungsgeräten nach eventuellen arkonidischen Stützpunkten zu suchen – und dabei war das alte Varganenschiff entdeckt worden. Ich seufzte. Es spielte in diesem Zusammenhang überhaupt keine Rolle, daß ich dem Imperator Orbanaschol und seiner korrupten Regierung den Kampf ange‐ sagt hatte. Wenn auch Orbanaschol und ich auf verschiedenen Seiten stan‐ den, so war ich dennoch voll und ganz auf der Seite meines, des arkonidi‐ schen Volkes. Das änderte die Sachlage, denn in diesem Fall hatte ich mich notfalls zu opfern, wenn es mir dadurch nur gelang, den Maahks das technische Erbe der Varganen vorzuenthalten.
Wenn ich hier starb, würde Fartuloon den Kampf gegen Orbanaschol e‐ ben allein mit unseren Freunden führen müssen. »Hast du Angst, Herr?« fragte Woogie. Ich lächelte. »Nein, jetzt nicht mehr«, antwortete ich. * Nachdem wir den Rest unserer Lebensmittel gegessen hatten, warteten und beobachteten wir weiter. Erneut bewölkte sich der Himmel. Die Luft roch förmlich nach neuem Schneefall. Ich hoffte, daß nicht auch diesmal bei Einbruch der Dunkelheit ein Schneesturm losbrach. In ihm hätten wir den Weg zur Ausgrabungs‐ stelle nicht geschafft. Es wurde kälter, da die Kraft der Sonne nicht genügte, um durch die Wolken hindurch ausreichend Wärme zu spenden. Woogie und ich zitter‐ ten heftig. Wir verschafften uns notgedrungen Bewegung, um unseren Kreislauf anzuheizen, obwohl wir damit kostbare Energie verbrauchten, ohne sie durch Nachschub an Nahrungsmitteln ersetzen zu können. Ich schätzte, daß wir den nächsten Tag nicht mehr erlebten, wenn es uns nicht während dieser einen Nacht gelang, in das varganische Schiff zu kommen und damit der Kälte zu entfliehen. Kaum war die Sonne versunken, fing es wieder an zu schneien. Glückli‐ cherweise fielen die Schneeflocken sehr spärlich, und es gab keinen Sturm. Überall im Tal flammten die Scheinwerfer auf, die die Maahks an ihre Ausgrabungsgeräte montiert hatten. Auch beim Walzenschiff leuchteten starke Scheinwerfer. In den Lichtkegeln bewegten sich die Maahks in ihren schweren Schutzanzügen. Für sie war die Sauerstoffatmosphäre dieses Planeten hochgiftig. Außerdem hätten sie die Kälte keine Minute lang aus‐ gehalten, denn ihr Stoffwechsel benötigte viel höhere Temperaturen und Dichten, als sie selbst auf tropischen Sauerstoffplaneten herrschten. Wir warteten noch zwei Stunden, dann brachen wir auf. Der Schneefall schützte uns vorläufig noch gegen direkte Beobachtung. Das änderte sich, als wir an die Grenze des erhellten Bereichs kamen. Wir schützten uns dagegen, indem wir noch innerhalb der Dunkelzone
auf die Seite der Mittelmoräne gingen, die vom Walzenschiff der Maahks abgewandt war. Dieser Wall aus rund geschliffenen Steinen und Felsblö‐ cken zog sich, wie schon sein Name verriet, ungefähr in der Mitte des Glet‐ schers entlang und wurde durch den Druck des Eises auf beiden Seiten hochgeschoben, so daß er wie eine riesige Mauer wirkte. Als wir noch ungefähr zweihundert Meter von der Stelle der Mittelmo‐ räne entfernt waren, an der sich die Ausgrabungsstelle befand, hielten wir an. Es wurde höchste Zeit, daß ich mir einen Plan zurechtlegte, wie wir di‐ rekt an die Ausgrabungsstelle und durch sie an das Varganenschiff kom‐ men konnten, ohne von den dort herumwimmelnden Maahks entdeckt zu werden. Ich hatte mir schon die ganze Zeit über den Kopf zerbrochen, um eine brauchbare Möglichkeit zu finden, aber erfolglos. Sobald wir auf den Rü‐ cken der Mittelmoräne stiegen, würden wir von den Lichtkegeln der Scheinwerfer erfaßt werden. Dann war es aus, denn wir besaßen keine Waffen, mit denen wir uns gegen die Maahks verteidigen konnten. Ich erwog die Möglichkeit, mich den Maahks offen zu nähern und mich von ihnen gefangennehmen zu lassen, um dann in ihrem eigenen Schiff nach einer Gelegenheit zu suchen, etwas gegen sie zu unternehmen. Doch zu vieles sprach dagegen. Erstens war es gar nicht sicher, ob die Maahks überhaupt Wert darauf legten, mich lebend in ihre Gewalt zu bringen. Normalerweise töteten sie jeden Arkoniden, den sie antrafen, sofort. Das war ja gerade das Grauen‐ hafte an diesem Krieg, den man den Großen Methankrieg nannte. Die Was‐ serstoffatmer kämpften nicht, um das Große Imperium zu besiegen; sie kämpften, um jeden intelligenten Sauerstoffatmer zu töten. Nur darum hatten wir Arkoniden diesen unbändigen Haß gegen sie entwickeln kön‐ nen. Nur in Ausnahmefällen machten die Maahks Gefangene – und wir verhielten uns ebenso. Zweitens war zu bedenken, daß ein Sauerstoffatmer sich in dem Raum‐ schiff von Wasserstoffatmern nicht frei bewegen konnte – auch wenn es ihm gelingen sollte, sich aus seiner Zelle zu befreien. Der erste Atemzug hätte mich umgebracht, denn selbstverständlich würden die Maahks mir keinen Druckanzug mit Sauerstoffversorgung überlassen und mir dadurch die Gelegenheit zum Ausbruch aus meiner Zelle geben.
Folglich mußte ich mir etwas anderes einfallen lassen. Und es waren die Maahks selbst, die mich auf eine Idee brachten. Das lag natürlich nicht in der Absicht der Maahks, sondern es geschah rein zufällig, daß eine Energiefräse ihren Standort an der Ausgrabungsstel‐ le genau in dem Augenblick veränderte, als einige Maahks mit Hilfe von Detonatoren einige größere Felsblöcke wegsprengten. Dabei strichen die Lichtkegel der Maschinenscheinwerfer über das Firn‐ feld auf unserer Seite der Mittelmoräne – und in ihrem hellen Lichtschein sah ich eine kleine Gletscherspalte, aus der im Takt der Detonatorexplosio‐ nen Wölkchen von Eisstaub wirbelten. Sekunden später waren die Scheinwerfer der Energiefräse wieder auf die Ausgrabungsstelle gerichtet. Die Gletscherspalte entzog sich meinen Bli‐ cken. Doch ich hatte genug gesehen, um mir einen Reim darauf machen zu können. Erstens einmal existierte dort vorn eine Spalte. Das war an sich weder etwas Ungewöhnliches noch für mich Bedeutsames. Bedeutsam wurde es erst durch den Umstand, daß die Eisstaubwölkchen im gleichen Takt hochgeschleudert worden waren, wie die Detonatoren der Maahks arbei‐ ten. Es mußte folglich etwas geben, ein Medium, das die Detonationserschüt‐ terungen besonders gut leitete und das bis direkt unter die Gletscherspalte reichte, so daß die Vibrationen den Schneestaub aufwirbeln konnten. Und welches Medium eignete sich besser zur Leitung von Vibrationen als die stählerne und mit zahlreichen Hohlräumen versehene Außenzelle eines Raumschiffs…? Wenn aber das varganische Schiff mit einem Teil bis unter die Gletscher‐ spalte reichte, dann brauchten Woogie und ich nicht bis zur Ausgrabungs‐ stelle zu schleichen, um an es heranzukommen. Wir brauchten nur in die Gletscherspalte hinabzusteigen. Ob wir dort dann die Möglichkeit finden würden, in das Varganenschiff zu gelangen, stand natürlich wieder auf einem anderen Blatt. Zumindest aber war die Chance, die sich uns überraschend bot, einen Versuch wert. Ich unterrichtete Woogie über meinen Plan, dann brachen wir auf und marschierten im Sichtschutz des Moränenwalls zur Spalte.
* Wir gelangten zu der Gletscherspalte, ohne daß die Maahks uns entdeck‐ ten. Nur einmal huschte ein Scheinwerferkegel über uns hinweg, da er aber nicht dazu bestimmt war, nach jemandem zu suchen, sondern nur zufällig während eines Positionswechsels diese Gegend überstrichen hatte, achte‐ ten die Maahks naturgemäß nicht darauf, was von dem Lichtkegel erfaßt wurde. Wir hatten uns hingeworfen, als der Scheinwerferkegel uns traf, und wir blieben auch danach noch eine Weile bewegungslos liegen. Doch nichts geschah. Erleichtert setzten wir unseren Weg fort. An der Gletscherspalte angekommen, sahen wir, daß sie zirka achtzig Meter lang und durchschnittlich etwa drei Meter breit war. Wie tief sie war, konnten wir nicht erkennen. Aber daraus, daß die Maahks mit ihren Maschinen sehr tief nach dem Varganenschiff hatten graben müssen, konn‐ te ich schließen, daß die Außenzelle des Schiffs an dieser Stelle mindestens fünfzehn Meter tief liegen mußte. Ich wußte, wie gefährlich es war, sich ohne Seil oder andere Sicherheits‐ maßnahmen in eine fünfzehn Meter tiefe Gletscherspalte zu wagen, deren Eiswände naturgemäß glatt waren. Wir hatten nur dann eine Chance, heil hinabzukommen, wenn es ausrei‐ chend Risse gab, in denen wir uns festzukrallen vermochten. Aber uns blieb keine andere Wahl, wenn wir nicht erfrieren wollten. Die Nachtkälte machte sich ohnehin schon bedenklich bemerkbar. Woogie und ich waren schon halb irr vor Kälte und steckten unsere bloßen Hände im‐ mer wieder in die Achselhöhlen, damit uns die Finger nicht abfroren. In meinen Ohren schien ein höllisches Feuer zu brennen, und meine Nase war schon ganz gefühllos geworden. Woogie schnüffelte am Rand des finsteren Abgrunds, dann meinte er: »Ich rieche etwas Fremdes, Herr.« »Das wird das Raumschiff sein«, erwiderte ich, obwohl ich nichts Frem‐ des roch. Aber die Sinne dieses kleinen Wesens waren zweifellos schärfer als meine. »Woogie steigt zuerst hinunter«, sagte der kleine Bursche. »Er kann bes‐ ser klettern als Atlan.«
Das stimmte zwar, aber mir widerstrebte es, meinen Gefährten vor mir die gefährliche Eiswand hinabklettern zu lassen. Er hat recht! raunte mir mein Logiksektor zu. Eure Chancen vergrößern sich, wenn du in diesem Fall auf ihn hörst. »Einverstanden, Woogie«, erklärte ich. »Aber nimm dich in acht! Geh kein unnötiges Risiko ein! Es spielt keine Rolle, ob wir ein paar Minuten früher oder später unten sind.« »Woogie ist geschickt und vorsichtig«, erwiderte der kleine Bursche. Ich sah zu, wie er sich auf den Bauch legte und sich rücklings in die Glet‐ scherspalte hinabließ. Seine Hände krallten sich in den Rand, während seine Füße weiter unten nach einem Halt suchten. »Gut!« sagte er nach einer Weile zufrieden, nahm eine Hand vom Rand der Spalte und tastete mit ihr die Wand ab. Dann nahm er auch die andere Hand weg. Bald darauf tauchte er in die Finsternis der Spalte ein. Nur sein keuchen‐ des Atmen und das gelegentliche Scharren seiner Stiefel am Eis verrieten, daß Woogie sich noch unter mir befand. Ich legte mich ebenfalls auf den Bauch und ließ meinen Unterkörper in die Spalte gleiten. Meine Hände krallten sich in den Rand, der so kalt war, daß mir die Finger zu erstarren drohten. Ich fragte mich, ob ich mich unter diesen Umständen lange genug würde halten können, um den Grund der Spalte zu erreichen. Doch ich schob diese Bedenken wieder zur Seite. Es gab nur zwei Möglichkeiten: entweder ich kam heil unten an oder mit zer‐ schmetterten Gliedern. Eine andere Möglichkeit gab es einfach nicht. Dennoch glaubte ich unterwegs mehrmals, daß ich mich nicht länger hal‐ ten konnte. Meine Finger wurden immer gefühlloser. Ich riß mir die Haut an scharfen Eiskanten auf. Das herausquellende Blut gefror an der eisigen Luft fast sofort; den Schmerz spürte ich nicht. Nur mit äußerster Willensanstrengung zwang ich mich immer wieder dazu, nach neuen Möglichkeiten zu suchen, Halt für Füße und Hände zu finden. Einmal brach ein Riß im Eis, in den ich meine Stiefelspitzen ge‐ zwängt hatte, weg, und ich sackte ab. Wenn meine Hände sich nicht durch den Ruck in einer anderen Spalte verklemmt hätten, wäre ich abgestürzt. Verzweifelt suchte ich mit den Füßen nach einem neuen Halt, fand ihn und stemmte mich einige Zentimeter hoch. Als ich die Hände aus dem Eisspalt zog, ging die Haut in Fetzen mit ab. Diesmal spürte ich den
Schmerz und mußte die Zähne zusammenbeißen, um nicht laut aufzu‐ schreien. Und noch immer war ich nicht unten. Als Woogie mir zurief, daß er am Grund der Gletscherspalte angekom‐ men sei, wurde mir vor Erleichterung so schwach, daß ich mich nicht mehr halten konnte. Ich rutschte an der Eiswand hinab, prallte mit den Füßen auf etwas Har‐ tes und wurde im nächsten Moment von Woogie festgehalten, damit ich nicht nach hinten kippte und mir den Schädel aufschlug. Nach einer Weile machte ich mich los, kauerte nieder und betastete den Grund der Gletscherspalte. Im ersten Augenblick war ich enttäuscht, weil meine Finger nicht auf Me‐ tall stießen, sondern auf Eisstaub, unter dem eine grobkörnige Eisschicht lag. Aber dann machte ich mir klar, daß ich nicht erwarten durfte, daß die Außenhaut des Varganenschiffs freilag. Auch wenn die Spalte bis direkt auf das Schiff reichte, so war doch im Verlaufe der Zeit immer wieder ab‐ bröckelndes Eis und hereinwehender Staub herabgefallen. Ich wollte mit den Fingern im Eis wühlen, da meldete sich abermals mein Extrasinn. Es wäre zwecklos, nach der geschlossenen Außenhaut des Schiffes zu suchen! teilte er mir mit. Du könntest sie mit bloßen Händen doch nicht durchdringen. Eure einzige Chance besteht darin, ein Leck zu finden, und das müßte sich durch eine Einsenkung bemerkbar machen. Das war absolut logisch, aber es machte unsere Lage so gut wie hoff‐ nungslos. Es wäre ein zu großer Zufall gewesen, wenn wir ausgerechnet in dem uns zugänglichen Teil der Außenhülle ein Leck entdeckt hätten. Die Wahrscheinlichkeit dafür war nach meiner Schätzung so verschwindend gering, daß sie als vernachlässigbar angesehen werden mußte. Ich kalkulierte sie dennoch mit ein, weil mir einfach nichts anderes übrigblieb. Fanden wir kein Leck, konnten wir uns hinlegen und auf den Tod warten, und wir würden nicht lange warten müssen. Ich spürte bereits die Müdigkeit, den ersten Vorboten des Todes durch Unterkühlung. Bald würden meine Stoffwechselvorgänge so stark herabgesetzt sein, daß ich mich nicht mehr gegen die Müdigkeit auflehnen konnte, sondern ein‐ schlief. Es würde ein Schlaf werden, aus dem es kein Erwachen gab. Nachdem ich meinem Gefährten erklärt hatte, wonach wir suchen muß‐
ten, gingen wir nach verschiedenen Richtungen auseinander. Ich wankte einfach mit vorgestreckten Händen durch die Finsternis und bemühte mich, an der linken Seitenwand der Spalte zu bleiben. Sobald ich ihr Ende erreicht hatte, wollte ich umkehren und an der rechten Seiten‐ wand entlang zurückgehen. Danach mußte ich mich in der Mitte halten – und danach brauchte ich überhaupt nichts mehr zu tun, falls Woogie oder ich keine Vertiefung gefunden hatten, die ein Leck verriet. Ich hatte an der rechten Seitenwand ungefähr die Hälfte meiner Such‐ strecke zurückgelegt, als ich einen unterdrückten Schrei Woogies vernahm. Ich wollte rufen, brachte aber nur ein heiseres Krächzen zuwege. Meine Augenlider sanken herab, und ich stieß meinen Kopf an die Eiswand, um mich am Einschlafen zu hindern. »Herr!« hörte ich Woogie rufen. »Ja?« brachte ich lallend hervor. »Ich habe gefunden, was du suchst, Herr!« rief Woogie. Die Erleichterung raubte mir den letzten Rest meiner Kraft. Ich knickte in den Knien ein und wäre zusammengebrochen, wenn mein kleiner Gefährte nicht gekommen wäre und mir wieder auf die Beine geholfen hätte. Gemeinsam wankten wir zu der Stelle, an der Woogie eine Vertiefung entdeckt hatte. Wir hatten nicht mehr die Kraft, vor der Vertiefung stehen‐ zubleiben, sondern stolperten einfach weiter. Ich merkte, wie ich auf eine abschüssige Fläche geriet, konnte mich aber nicht halten. Kraftlos stürzte ich nach vorn, brach durch eine dünne Eis‐ kruste und schlug unsanft auf einem harten Boden auf. Eine Weile blieb ich liegen, dann tastete ich mit den Händen umher, be‐ kam ein Handrad zu fassen und drehte daran. Es ließ sich spielend leicht bewegen, denn die Handradgewinde moderner Raumschiffe sind unemp‐ findlich gegen Temperatureinflüsse. Ihre Fluoroplastbeschichtung garan‐ tiert unter aller» Bedingungen eine einwandfreie »Schmierung« und damit auch Beweglichkeit aller Teile gegeneinander. Schräg vor mir bildete sich ein Spalt, durch den der matte Lichtschimmer einer Art Notbeleuchtung drang. Ich hätte am liebsten laut gejubelt, doch dazu fehlte mir die Kraft. Meine Energie reichte gerade noch aus, das Handrad zu drehen, bis der Spalt groß genug war, um mich durchzulassen. Ich kroch auf allen vieren hinein, spürte, wie Wärme mich umgab, und
brachte es gerade noch fertig, nach Woogie zu rufen, als die Erschöpfung mich übermannte. 3. Als ich erwachte, waren meine Glieder immer noch bleischwer vor Er‐ schöpfung. Dennoch fühlte ich mich schon erheblich besser, denn ich wußte, daß es mir – aller Wahrscheinlichkeitsschätzungen zum Trotz – gelungen war, in das Varganenschiff einzudringen. Da ich diese Doppelpyramidenschiffe, dank Ischtar, inzwischen fast so gut kannte wie unsere arkonidischen Raumschiffe, wußte ich, daß ich nicht erfrieren konnte, auch wenn die Energieaggregate des Schiffes zweifellos seit undenklichen Zeiten deaktiviert waren. Aber die Varganen hatten gewisse Notvorrichtungen in ihre Raumschiffe eingebaut. So beispielsweise bioaktive Überzüge auf den Innenwandun‐ gen, die aus Mikrolebewesen bestanden, die mit Hilfe spezieller Enzyme in der Lage waren, sich von der sie umgebenden Masse sehr langsam zu er‐ nähren, wobei die Ausscheidungen ihrer Stoffwechselprozesse Licht und Wärme erzeugten. Zwar reichte das auf diese wunderbare Weise entstehende Licht gerade aus, um ein ungewisses Halbdunkel zu schaffen, und auch die abgegebe‐ nen Wärmemengen waren sehr gering, aber wenigstens konnte man sich dabei orientieren und brauchte vor allem nicht zu erfrieren. Ich erkannte, daß ich mich in einer Schleusenkammer befand. Es war demnach doch kein absoluter Zufall gewesen, der mich ins Innere des Var‐ ganenschiffs gebracht hatte. Jemand – vielleicht Vrentizianex – hatte, bevor er das Schiff verließ, das Außenschott einer Mannschleuse geöffnet oder nur vergessen, es zu schließen. Es wäre auch zu unwahrscheinlich gewe‐ sen, daß sich gerade am Grund der Gletscherspalte ein Leck in der Außen‐ hülle befunden haben sollte, die so fest war, daß sie selbst starkem Strahl‐ beschuß eine gewisse Zeitspanne lang widerstand. Woogie, der mir gegenüberlag und fest schlief, schreckte empor, als ich mich erhob.
»Es ist alles in Ordnung, Woogie«, sagte ich. »Wir sind im Raumschiff des Sehers und können wenigstens nicht erfrieren. Allerdings dürfen wir es nicht dabei bewenden lassen. Wir brauchen Waffen und Ausrüstung – und wenn sich an Bord dieses Schilfes Nahrungskonzentrate befinden, können wir auch unseren Hunger stillen.« Und das, so überlegte ich, kam an erster Stelle. Ich fühlte mich trotz des erholsamen Schlafes sehr schwach. Die Strapazen und die Kälte hatten an den Reserven meines Körpers gezehrt, und wenn ich etwas gegen die Maahks unternehmen wollte, mußte ich diese Reserven erst wieder auffül‐ len. Ich war ziemlich sicher, daß es, wenn sich an Bord Schutzanzüge befan‐ den, kein Problem sein würde, unseren Hunger zu stillen. Zu jedem Schutzanzug gehörte auch bei den Varganen eine eiserne Ration an biosyn‐ thetischen Nahrungskonzentraten und versiegelten Wasserkonserven. Bei‐ des hatte eine praktisch unbegrenzte Haltbarkeit. Woogie erhob sich ebenfalls, dann bewegten wir uns durch den Korridor, in dem wir aufgewacht waren, tiefer in das Schiff hinein. Von irgendwo waren Geräusche zu hören; es konnten nur die Geräusche der Ausgra‐ bungsmaschinen sein, die von der Schiffszelle weitergeleitet wurden. Ob sich bereits Maahks an Bord befanden, konnten wir von unserem Standort aus nicht feststellen. Aber vorsichtshalber bewegten wir uns so leise wie möglich vorwärts. Unser Korridor war ein Stichkorridor, der in einen Rundumkorridor mündete. Die energetischen Transportbänder waren deaktiviert und dem‐ nach nicht vorhanden. Ich erkannte lediglich die Abstrahlpulsatoren für die Gleitenergie, die sich bei aktivierten Transportbändern wie festes Mate‐ rial bewegte und sehr tragfähig war. Da ich den Bauplan dieses Schiffstyps im Kopf hatte, bereitete es mir kei‐ nerlei Schwierigkeiten, mich im Rundumkorridor zu orientieren, nachdem ich erst einmal im nächsten Raum festgestellt hatte, in welcher Schiffssekti‐ on wir uns befanden. Es handelte sich bei dem betreffenden Raum um einen Kontrollstand für die Klimaanlage. Er wurde bei den Varganenschiffen normalerweise nie‐ mals benutzt, denn alle Systeme funktionierten vollautomatisch, wurden durch ein Positronengehirn gesteuert und überwacht und konnten von der Hauptzentrale aus von einer einzigen Person kontrolliert werden.
Praktisch wurden derartige Kontrollstände nur benötigt, wenn nach einer Überholung des Schiffes alle Funktionen an Ort und Stelle durchgecheckt wurden – oder wenn durch irgendwelche Einwirkungen die Hauptpo‐ sitronik und die Einrichtungen der Hauptzentrale gleichzeitig beschädigt worden waren. Ich hätte also von hier aus die Klimaanlage einschalten können, denn ich sah, daß augenscheinlich nichts beschädigt war. Falls nicht alle Brennstoff‐ elemente restlos aufgebraucht waren, was sehr unwahrscheinlich war, dann würden die Kraftwerke des Schiffes arbeiten und Energie liefern. Allerdings hütete ich mich davor, auch nur einen Schalter zu berühren. Den Energietastern des Maahkraumschiffs wäre die Aktivität der Kraft‐ werke nicht entgangen, und wir wären verraten gewesen. Immerhin wußte ich jetzt, daß eine der Ausrüstungskammern des Var‐ ganenschiffs sich nur zwei Decks tiefer und rund dreihundert Meter in rechter Richtung befand. Das war unser nächstes Ziel. Wir stiegen die Nottreppe des nächsten Antigravschachts hinab, verlie‐ ßen den Schacht zwei Decks tiefer und eilten auf die Ausrüstungskammer zu. Das Schott öffnete sich selbstverständlich ebensowenig wie die Schotte der Schleuse und des Kontrollstandes, da sie von der zentralen Energiever‐ sorgung abhängig waren. Ich betätigte deshalb auch hier das für Notfälle vorhandene Handrad. Als das Schott sich geöffnet hatte, betraten wir die Ausrüstungskammer, die ebenso im Halbdunkel lag wie das gesamte Innere des Varganenschiffs. Meine Augen hatten sich inzwischen an die kärgliche Beleuchtung ge‐ wöhnt, so daß ich die Magnethalterungen mit den daran aufgehängten Kampfanzügen sofort sah. Mein Herz schlug höher, als ich die typisch varganischen Energieaggre‐ gate auf den Rückenteilen der Kampfanzüge erblickte. Es handelte sich demnach um flugfähige Konstruktionen, die auch einen hochwertigen energetischen Schutzschirm aufbauen konnten. Die Kampfanzüge waren von unterschiedlicher Größe, und ich suchte mir einen heraus, der wie für mich gemacht zu sein schien. Leider gab es keine Schutzanzüge, die Woogie gepaßt hätten. Kein erwachsener Vargane war so klein gewesen wie mein hellhäutiger Gefährte, nämlich knapp über einen Meter groß.
Woogie mußte also wohl oder übel ohne Schutzanzug auskommen. Ich streifte mir den Kampfanzug über, den ich ausgesucht hatte. Er paßte wie angegossen. Allerdings wagte ich nicht, das Energieaggregat einzuschalten, denn die Maahks hätten die entsprechende energetische Aktivität orten können. Doch vorerst benötigte ich das Energieaggregat ja noch nicht. Dafür konnten wir uns mit den Konzentraten sättigen, die wir in allen Anzügen vorfanden. Es handelte sich, wie ich wußte, dabei um hochener‐ getische Nahrung, die außerdem alle Vitamine und Mineralstoffe enthielt, die ein auf Eiweißbasis aufgebauter Organismus benötigte. Auch die hermetisch versiegelten Wasserkonserven waren brauchbar. Das Wasser war so klar und schmeckte so frisch, als hätten wir es aus ei‐ nem Bergquell geschöpft. Nachdem wir Hunger und Durst gestillt hatten, steckten wir soviel Kon‐ zentrate aus anderen Anzügen ein, daß wir damit mindestens vierzehn Tage leben konnten. Anschließend machte ich mich auf die Suche nach Waffen, die es in jeder Ausrüstungskammer gab. Ich fand die Energiestrahler in einem versiegelten Stahlplastikschrank, den ich erst mühsam aufbrechen mußte. Es handelte sich um relativ leichte handliche Waffen, die genau in die länglichen Außentaschen paßten, die – unter anderem – an den Außenseiten der Schenkel an den Anzügen ange‐ bracht waren. Ich steckte zwei der Strahler sowie einige Energiemagazine ein, dann wollte ich Woogie im Gebrauch der Waffen unterweisen, als plötzlich eine harte Erschütterung durch das Schiff lief. Die Schiffszelle schüttelte sich förmlich, so daß wir das Gleichgewicht verloren und stürzten. »Bleib liegen!« rief ich Woogie zu. Meine Vermutung bestätigte sich. Noch siebenmal schüttelte sich die Schiffszelle sehr hart, dann trat für kurze Zeit Ruhe ein, bevor das Schiff mit einem lauten Krach irgendwo aufsetzte. Ich wußte sofort, was das bedeutete. Die Maahks hatten das Varganenschiff mit Fesselfeldern und An‐ tigravprojektoren angehoben und wieder abgesetzt. Ob es ihnen gelungen war, das Schiff bereits an die Oberfläche zu brin‐
gen oder ob sie nur einen ersten Versuch zur vollständigen Bergung unter‐ nommen hatten, konnte ich freilich nicht wissen. Aber ich mußte damit rechnen, daß die Doppelpyramide gehoben wor‐ den war. Traf das zu, so konnte es nicht mehr lange dauern, bis die ersten Untersuchungskommandos der Maahks an Bord kamen. Mit knappen Worten unterrichtete ich Woogie über die veränderte Lage, dann brachen wir auf, um uns davon zu überzeugen, ob ich richtig vermu‐ tet hatte. * Ungefähr zweihundert Meter vor der Hauptschleuse versteckten wir uns in einer Korridornische. Ich hatte gezögert, Woogie bei meinem Aufklärungsunternehmen mitzu‐ nehmen, denn bei einem Zusammenstoß mit Maahks wäre er infolge seiner mangelnden Kampferfahrung und ohne Schutzanzug etwa hundertmal so stark gefährdet wie ich. Andererseits konnte ich den kleinen Kerl nicht irgendwo im Schiff ver‐ stecken, denn wenn die Maahks das Schiff gründlich durchsuchten, wür‐ den sie ihn finden – und ohne mich wußte er nicht, wie er sich verhalten sollte. Folglich war mir nichts weiter übriggeblieben, als ihn bei mir zu behalten und dafür zu sorgen, daß er sich nicht versehentlich in Gefahr begab. Wir brauchten nicht lange zu warten, dann vernahmen wir einen dump‐ fen Schlag. Die Maahks hatten das Außenschott der Hauptschleuse aufgesprengt. Ich bedeutete Woogie, sich still zu verhalten, und zog mich mit ihm zur Mündung des nächsten Stichkorridors zurück, durch den wir einen Neben‐ liftschacht erreichen und auf ein beliebiges anderes Deck überwechseln konnten. Kurz darauf wurde das Innenschott der Hauptschleuse von einer Explo‐ sion aufgerissen. Eine Weile war es still, dann ertönten polternde Geräusche. Mehrere Scheinwerferkegel flammten auf und warfen ihr Licht in den Korridor. Wenig später tauchten einige Gestalten in schweren Schutzanzügen auf.
Ich preßte die Lippen zusammen, als ich unter den transparenten Druck‐ helmen die für Maahks charakteristischen wulstförmigen Sichelköpfe mit den oben aufgesetzten Augen erkannte. Das waren Todfeinde meines Volkes, und alles in mir drängte darauf, sie anzugreifen. Ich hätte diesem inneren Zwang nur zu gern nachgegeben und mußte al‐ le Willenskräfte mobilisieren, um ihm zu widerstehen. Mir war klar, daß die varganischen Waffen, die ich bisher erbeutet hatte, unzureichend wa‐ ren, um damit gegen mehrere schwerbewaffnete Maahks zu bestehen. Ich hätte vielleicht einen von ihnen töten können, aber die anderen hätten das Feuer sofort erwidert und. Woogie und mich umgebracht. Deshalb zogen wir uns ein Stück weiter zurück, als die Maahks sich un‐ serem Versteck näherten. An die Nottreppe des nächsten Antigravschachts gepreßt, warteten wir, bis die Maahks im Hauptkorridor vorbeigestampft waren. Ich zählte fünf Wasserstoffatmer, und sie trugen außer ihren Waf‐ fen Geräte bei sich, mit denen sie wahrscheinlich die Einrichtung des Var‐ ganenschiffs überprüfen wollten. Der ersten Gruppe folgten vier weitere Gruppen zu je fünf Maahks, da‐ nach trat Ruhe ein. Wir hatten es also mit insgesamt fünfundzwanzig Maahks zu tun, die sich im Schiff aufhielten. Ich überlegte, was ich unternehmen konnte. Viel war es nicht, das wurde mir sofort klar. Offen konnte ich nicht gegen die Maahks vorgehen. Blieb mir nur die Möglichkeit, sie zu beobachten, ohne selbst entdeckt zu werden. Ich gab Woogie durch Zeichen zu verstehen, was ich vorhatte, dann schlichen wir der letzten Gruppe von Maahks nach. Die fünf Wasserstoffatmer stiegen die Nottreppe des nächsten Lift‐ schachts hoch. Woogie und ich kauerten uns neben den Einstieg und blickten den Maahks nach. Als ich sah, daß die Maahks in dem Deck ausstiegen, in dem sich die Hauptzentrale befand, schwang ich mich ebenfalls in den Schacht und stieg ihnen lautlos nach. Woogie folgte mir. Wir stiegen nicht aus, als wir das Hauptdeck erreichten, sondern spähten nur aus dem Ausstieg. Die fünf Maahks standen vor dem Panzerschott der Hauptzentrale und beratschlagten anscheinend, wie sie weiter vorgehen sollten. Leider war es
mir nicht möglich, mich in ihr Gespräch einzuschalten und zu hören, was sie sagten. Ihre Helmsender arbeiteten offenbar auf einer Welle und Fre‐ quenz, die für das varganische Helmfunkgerät unerreichbar war. Nach einiger Zeit streckte einer der Maahks seine Tentakelarme nach dem Handrad aus, das auch neben dem Panzerschott der Hauptzentrale vorhanden war. Er brachte etwa drei Umdrehungen zuwege, dann füllte sich der Korri‐ dor vor der Hauptzentrale mit einem grellblauen Leuchten, das nicht län‐ ger als einen Herzschlag anhielt. Als das Leuchten erlosch, waren alle fünf Maahks verschwunden. Woogie schrie auf, und ich mußte ihm die Hand auf den Mund pressen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Dabei war ich selber entsetzt über das, was wir gesehen hatten. Nicht, daß ich das Verschwinden der fünf Maahks bedauert hätte. Jeder tote oder verschwundene Maahk bedeutete einige tote Arkoniden weniger. Nein ich war entsetzt darüber, daß ich keine Ahnung von der Falle gehabt hatte, die die Hauptzentrale dieses Varganenschiffs vor dem Eindringen Fremder schützte. Wären die Maahks nicht schon jetzt an Bord gekommen, hätte ich wahrscheinlich selbst versucht, in die Hauptzentrale einzudringen – und dabei wäre es mir und Woogie zweifellos ebenso ergangen wie den Maahks. Vrentizianex mußte das Fallensystem nachträglich in sein Raumschiff eingebaut haben. Das gab den Geschehnissen einen anderen Aspekt. Vielleicht hatte der Seher wirklich nichts davon gewußt, daß die Maahks sein altes Raumschiff entdeckt hatten. Er brauchte sie ja gar nicht, um sicher zu sein, daß Woogie und ich umkamen. Er wußte, daß wir früher oder später in die Hauptzent‐ rale seines Schiffes eindringen würden und dabei von dem grellblauen Leuchten beseitigt werden würden. Aber wir hatten keine Zeit, lange darüber nachzudenken. Ich nahm an, daß alle Maahks in ständiger Funkverbindung mit ihrem Raumschiff stan‐ den beziehungsweise gestanden hatten. Wenn das zutraf, dann mußte es dem Kommandanten des Maahkschiffes verdächtig erscheinen, daß die Verbindung zu einer der Gruppen abgebrochen war. Er würde eine andere Gruppe hinterherschicken, um die Sache aufzuklären. Wenn Woogie und ich dort blieben, wo wir uns befanden, mußten wir
entdeckt werden. Deshalb mußten wir ein besseres Versteck suchen. Ich entschloß mich, mit Woogie in die Kabine des Kommandanten zu ge‐ hen, denn es war die einzige Kabine auf Schiffen dieses Typs, die einen zum darunterliegenden Deck führenden Notausgang besaß. Falls die nächsten Maahks auf den Gedanken kommen sollten, in diese Kabine ein‐ zudringen, würden Woogie und ich uns immer noch zurückziehen können. Als ich das Handrad neben dem Schott der Kabine betätigte, verspürte ich ein Prickeln im Genick. Es war Angst, Angst davor, die Kabine des Schiffskommandanten könnte genauso oder ähnlich abgesichert sein wie die Hauptzentrale. Doch nichts geschah. Das Schott öffnete sich. Woogie und ich schlüpften in die Kabine und verschlossen das Schott hinter uns bis auf einen winzigen Spalt. Durch diesen Spalt hindurch vernahm ich wenig später das Trampeln schwerer Stiefel aus dem Nottreppenschacht des Lifts. Fünf Maahks mit eingeschalteten Brustscheinwerfern tauchten auf und blickten sich im Kor‐ ridor um. Zwei von ihnen nahmen kleine Geräts aus Magnethaltungen ihrer Waf‐ fengürtel und untersuchten damit peinlich genau das Panzerschott der Zentrale sowie Boden, Wände und Decke des Korridors unmittelbar davor. Als sie damit fertig waren, standen sie still. Offenbar unterhielten sie sich über die Helmfunkgeräte mit ihren Gefährten und sicher auch mit ihrem Kommandanten. Hatten sie etwas Verdächtiges festgestellt? Ich wußte es nicht, aber ich nahm es an, denn kurz darauf zogen sie sich in den Nottreppenschacht zurück, und einer von ihnen nahm das Panzer‐ schott der Zentrale mit einem schweren Detonator unter Beschuß. Wieder flammte das grellblaue Leuchten auf, aber diesmal wurde kein Maahk davon erfaßt. Als das Panzerschott unter der Wirkung des anhaltenden Detonatorbe‐ schusses förmlich zerbarst, erlosch das grellblaue Leuchten. Die Maahks verhielten sich eine Weile still, dann stieg einer von ihnen aus dem Nottreppenschacht und ging auf das geborstene Panzerschott zu. Ich konnte nicht umhin, seine Tapferkeit anzuerkennen. Er mußte wis‐ sen, daß er sich in größte Gefahr begab, denn es war nicht ausgeschlossen,
daß die Falle auch bei zerstörtem Panzerschott noch funktionierte. Er stellte sich praktisch als Testperson zur Verfügung. Doch er hatte Glück. Ich ertappte mich dabei, daß ich aufatmete, als der Maahk das zerstörte Schott unbehelligt erreichte und die Hauptzentrale betrat. Verwirrt versuchte ich, meine Gefühle zu analysieren. Wie hatte ich erleichtert darüber sein können, daß einer der Todfeinde meines Volkes nicht zu Schaden gekommen war? Hätte ich ihm nicht auf alle Fälle den Tod wünschen müssen? Ja und nein! gab mein Logiksektor durch. Ja, weil alle Maahks die Todfeinde deines Volkes sind. Nein, weil es außerhalb allen Hasses, der ein vergängliches Phänomen ist, ein natürliches Verbundenheitsgefühl zwischen allen Angehörigen intelligenter Arten gibt, vor allem, wenn sie die Entwicklungsstufe erreicht haben, auf der sie in großem Maße Weltraumforschung betreiben. Die Entwicklung strebt gesetzmäßig auf einen Zusammenschluß aller Intelligenzen jeder Galaxis zu einer Art Gesamtorganismus zu, und die Tendenz ist deshalb schon heute fühlbar, weil sie in einer viel früheren Stufe der Evolution erworben und im genetischen Ge‐ dächtnis verankert wurde. Ich runzelte die Stirn. Verbundenheitsgefühl zwischen Maahks und Arkoniden, das zu konsta‐ tieren, kam mir so ungeheuerlich vor, daß ich es kaum zu fassen vermoch‐ te. Befanden wir uns nicht in einem Krieg, bei dem entweder sie oder wir untergehen mußten? Wieso konnte ich da Verbundenheit mit einem Maahk fühlen? Und doch hatte ich dieses Gefühl gespürt. Darum kam ich nicht herum. Vielleicht war dieses Gefühl die Ankündigung gewesen, daß irgendwann einmal – allen Prognosen zum Trotz – eine Annäherung zwischen uns und den Wasserstoffatmern zustande kommen würde. Doch wie dem auch sei, ich durfte nicht vergessen, daß eine solche hypo‐ thetische Annäherung noch weit außerhalb der Realitäten lag. Diese Maahks waren die Todfeinde meines Volkes, und entsprechend mußte ich mich verhalten. *
Ich hatte mit dem inneren Handrad den Spalt zwischen den beiden Schotthälften der Kabine vergrößert und sah, daß die übrigen vier Maahks ihrem Gefährten in die Hauptzentrale folgten. »Warte hier auf mich!« befahl ich Woogie, dann verließ ich die Kabine und schlich den Maahks nach. Durch das zerstörte Panzerschott hindurch sah ich, wie die Wasserstof‐ fatmer die Kontrollen der Hauptzentrale systematisch mit den Geräten untersuchten, die sie bei sich führten. Offenbar handelte es sich bei den an Bord gegangenen Gruppen um hochqualifizierte Wissenschaftler und Techniker. Das konnte ich jedenfalls aus der Art ihres Vorgehens schließen. Nach rund zwei Stunden hatten die Maahks nur drei Kontrollpulte un‐ tersucht. Sie stellten ihre Arbeiten ein und berieten sich, ohne daß ich etwas hören konnte, obwohl ich immer wieder an den Einstellknöpfen meines Helmfunkgeräts drehte. Etwas später setzten die fünf Maahks ihre Untersuchungen fort. Ich war so beschäftigt damit, sie genau zu beobachten, daß ich die Geräusche hinter mir beinahe zu spät gehört hätte. Erst, als es im Liftschacht polterte, wurde ich aufmerksam. Ich lief sofort zurück in die Kabine, drehte am Handrad und schloß die beiden Schotthälften wieder bis auf einen ganz schmalen Spalt. Kurz darauf tauchten vier Maahks auf. Jeder saß auf einer Antigravplatt‐ form, die er aus dem stillgelegten Antigravschacht in den Korridor steuer‐ te. Das verräterische Poltern mußte daher gekommen sein, daß eine der Plattformen an die Liftschachtwandung gestoßen war. Andernfalls hätten die Maahks mich überrascht – und das wäre das Ende gewesen. Ich brauchte nicht lange herumzurätseln, aus welchem Grund die Maahks vier Antigravplattformen in die Hauptzentrale des Varganen‐ schiffs brachten. Dafür gab es nur eine Erklärung: Sie wollten alle wichti‐ gen Kontrollsysteme, die sich ausbauen ließen, abmontieren und in ihr Walzenschiff bringen, um sie dort in aller Ruhe untersuchen zu können. Und diese Erklärung gefiel mir ganz und gar nicht, denn sie bedeutete, daß die Maahks die Funktionsprinzipien einer vergleichsweise höherwer‐ tigen Raumschiffstechnik ergründen und in absehbarer Zeit in großem Maßstab anwenden würden. Dadurch aber würden die Raumschiffe der Maahks gegenüber denen des
Großen Imperiums die entscheidende Überlegenheit erringen – und das Schicksal meines Volkes wäre besiegelt. Eine grauenhafte Vision bildete sich vor meinem geistigen Auge: Die drei Arkonplaneten verwüstet und entvölkert, die Flotte des Großen Imperiums zerschlagen und die wenigen Überlebenden meines Volkes gnadenlos von einer Welt zur anderen gehetzt, bis sie schließlich alle zugrunde gegangen waren. Ich konnte und wollte nicht zulassen, daß diese Vision sich erfüllte. Was in meiner Macht lag, mußte ich tun, um zu verhindern, daß die Maahks sich des technischen Erbes der Varganen bemächtigten. In der Hauptzentrale allerdings vermochte ich vorläufig nichts auszu‐ richten. Aber die Maahks würden mit den dort vorhandenen Kontrollsys‐ temen solange nichts anfangen können, wie sie nicht auch die dazugehöri‐ gen Funktionssysteme demontiert und in ihr Schiff gebracht hatten. Folglich mußte ich so viele Funktionssysteme wie nur möglich zerstören. Es war mir klar, daß die Maahks sehr bald merken würden, daß sich je‐ mand an den Funktionssystemen zu schaffen machte. Aber das mußte ich in Kauf nehmen. Wenn ich nur genügend Schaden anrichten konnte, bevor ich gestellt und getötet wurde, hatte mein Opfer sich bezahlt gemacht. Nur darauf kam es an. Flüsternd machte ich Woogie klar, was ich vorhatte. Ich verschwieg ihm auch die Gefahren nicht, in die wir uns damit bringen würden. Doch der kleine Bursche versuchte nicht, mich von meinem Vorhaben abzubringen. Er erklärte, daß er bei mir bleiben und notfalls mit mir zusammen sterben wollte. Im Grunde genommen blieb ihm auch nichts anderes übrig. Wenn ich ihn wegschickte, würden entweder die Maahks ihn entdecken und töten, oder er würde in der Eiswüste umkommen. Dann war es schon besser, daß er mir half, so gut er konnte. Wir verließen die Kabine durch den Notausgang und begaben uns zuerst zum vollautomatischen Feuerleitsystem des Varganenschiffs. Der Zugang war auch hier durch ein Panzerschott versperrt, das sich mit Hilfe eines Handrads öffnen ließ. Ich zögerte eine Weile, das Handrad zu betätigen. Noch zu deutlich stand mir das Bild der fünf Maahks vor Augen, die vor dem Panzerschott der Hauptzentrale in einer blauen Leuchterscheinung verschwunden wa‐
ren, als sie versucht hatten, das Handrad zu betätigen. Möglicherweise war auch die zweitwichtigste Schiffssektion besonders abgesichert, und Woogie und ich vergingen oder verschwanden ebenfalls in einer grellblauen Leuchterscheinung. Da wir jedoch über keine schweren Waffen verfügten, mit denen sich das starkwandige Panzerschott der Feuerleitzentrale in einer vertretbaren Zeit‐ spanne zerstören ließ, blieb mir nichts weiter übrig, als das Risiko einzuge‐ hen. Ich winkte Woogie zur Seite, bevor ich das Handrad anfaßte. Wir brauch‐ ten uns schließlich nicht beide mutwillig in Gefahr zu begeben, obwohl der kleine Bursche ohne mich auch verloren wäre. Ich transpirierte, als ich das Handrad bewegte. Aber kein blaues Leuch‐ ten flammte auf, und auch sonst erfolgte keine feindselige Reaktion. Unge‐ hindert konnte ich das Panzerschott öffnen. Als die Öffnung groß genug war, winkte ich Woogie zu mir. Wir drangen in die Feuerleitzentrale ein, und ich blickte mich in dem auch hier herr‐ schenden Halbdunkel aufmerksam um. Es war jammerschade, diese wertvollen technischen Anlagen einfach zu zerstören. Wie viele Jahrtausende mochte die varganische Technik ge‐ braucht haben, um etwas wie das hier hervorzubringen? Vielleicht mehr als zehntausend Jahre. Die arkonidische Technik jedenfalls war mindestens noch zehntausend Jahre von diesem Entwicklungsstand entfernt. Ich unterdrückte mein Bedauern und wies Woogie an, mit seinen Waffen die eine Hälfte der Einrichtung zu zerschießen. Ich nahm mir die andere Hälfte vor. Die Energiestrahlen unserer kleinen Waffen fraßen sich durch die Ver‐ kleidungsplatten in die wertvollen Funktionssysteme und vernichteten unschätzbare Werte. Es wurde heiß, aber ich schloß meinen Druckhelm nicht, da ich Woogie gegenüber nicht im Vorteil sein wollte. Wir hatten etwa drei Viertel der Einrichtung zerstört, als von draußen das Poltern und Stampfen schwerer Schritte zu hören war. »Aufhören!« rief ich Woogie zu. »Wir müssen weg von hier!« Wir liefen zum Schott, blickten auf den Korridor – und prallten erschro‐ cken zurück. Von rechts rannten drei schwerbewaffnete Maahks herbei. Sie waren schon zu nahe, als daß wir ungesehen hätten entkommen können. Wir
wären abgeschossen worden, wenn wir uns in den deckungslosen Korridor gewagt hätten. Kurz entschlossen packte ich Woogies Arm und zog ihn hinter den einzi‐ gen noch unbeschädigten freistehenden Schaltblock. »Du bleibst in Deckung!« befahl ich ihm und warf mich hinter einen halb zusammengeschmolzenen Schaltblock. Ich wollte das Feuer der Maahks nicht auf Woogies Deckung lenken. Allerdings gab ich mich keinen Illusionen darüber hin, daß wir lebend hier herauskommen würden. Wir konnten nur versuchen, so lange wie möglich Widerstand zu leisten und so viele Maahks wie möglich zu töten. Das heißt, eigentlich fiel diese Aufgabe mir allein zu. Woogie war nicht in der Lage, einen einzigen Schuß abzugeben, ohne selbst getroffen zu wer‐ den. Als die drei Maahks mit angeschlagenen Waffen vor dem offenen Schott auftauchten, hob ich meine Waffe und schoß. Aber der Energiestrahl traf nur die gegenüberliegende Korridorwan‐ dung, denn die Maahks waren alle drei plötzlich verschwunden. Zuerst vermutete ich, sie hätten sich so schnell hingeworfen, daß mir die Bewegung entgangen war, aber das erschien mir bei genauerem Nachden‐ ken unmöglich. Ich riskierte es, meine Deckung zu verlassen und rannte im Zickzack auf das Schott zu. Doch niemand schoß auf mich. Als ich durch die Schottöffnung blickte, lag der Gang davor völlig verlas‐ sen da, und auch rechts und links war kein Maahk zu sehen. Nachdenklich blickte ich auf den Gangboden, auf dem die drei Was‐ serstoffatmer kurz zuvor gestanden hatten. Meine Augen tränten – bei jedem Arkoniden das Anzeichen für starke Erregung –, als ich die kaum sichtbaren feinen Linien auf dem Gangboden erkannte. Was tatsächlich geschehen war, konnte ich allerdings nur mit Hilfe der Phantasie rekonstruieren. Die Feuerleitzentrale mußte durch ein Fallensystem abgesichert sein. Bei mir und Woogie hatte es jedoch nicht funktioniert, was nur den einen Schluß erlaubte, daß es ausschließlich auf artfremde Lebewesen ansprach, deren Metabolismus von dem von Varganen und Arkoniden grundver‐ schieden war.
Da es zu keiner Leuchterscheinung gekommen war, mußte sich, wie die feinen Linien andeuteten, unter den Maahks eine Öffnung gebildet haben, und da sie blitzartig verschwunden waren, konnte das nur durch ein star‐ kes Saugfeld bewerkstelligt worden sein. Grauenhaft für die Betroffenen, aber vorteilhaft für Woogie und mich. Wir waren noch einmal davongekommen und konnten unser Zerstö‐ rungswerk an anderer Stelle fortsetzen – allerdings kaum ungestört, denn das Auftauchen der drei Maahks schien zu beweisen, daß die Wasserstof‐ fatmer gemerkt hatten, daß sich jemand in ihrem Beuteschiff aufhielt. »Komm!« sagte ich zu Woogie. »Wir machen weiter!« 4. Während wir durch die Gänge und Schächte des Varganenschiffs eilten, nahm der von den Maahks verursachte Lärm darin ständig an Lautstärke zu. Die Wasserstoffatmer suchten nach uns. Glücklicherweise kannte ich mich an Bord dieser Doppelpyramiden gut aus, während die Maahks erst angefangen hatten, ihre Erfahrungen in die‐ sem Schiffstyp zu sammeln. So wußten sie offenbar noch nichts von den separaten Gängen für Hilfsroboter, die die starken Innenwandungen des Schiffes durchzogen. Die alten Varganen hatten während des Niedergangs ihre Kultur eine Aversion gegen Roboter entwickelt, waren aber gleichzei‐ tig nicht ohne ihre Hilfe ausgekommen. Also hatten sie als Kompromißlö‐ sung dafür gesorgt, daß ihnen ihre robotischen Hilfskräfte so wenig wie möglich begegneten. Das kam Woogie und mir zugute, als wir uns zur nächsten wichtigen Schiffssektion begaben; den Funktionselementen für den Überlichtantrieb der Varganen. Es war einigermaßen mühsam, in den engen Gängen und Schächten vorwärts zu kommen. Zeitweise blieb mir nichts anderes übrig, als das Flugaggregat meines Kampfanzugs einzuschalten, Woogie auf die Arme zu nehmen und so durch senkrecht verlaufende Schächte zu schweben. Natürlich wurde dabei Streuenergie freigegeben. Doch da es wegen der aufwendigen Lebenserhaltungssysteme der maahkschen Schutzanzüge
eine ganze Menge an energetischer Aktivität im Schiff gab, brauchte ich eine Anmessung der geringfügigen Streustrahlung nicht zu befürchten. Endlich hatten wir die gesuchte Sektion erreicht. Ein einzelner Maahk bewachte den relativ großen Raum. Mehr hatten die Wasserstoffatmer wohl vorerst nicht abstellen können, da sie naturgemäß versuchen mußten, möglichst alle Sektionen zu bewachen. Flüsternd instruierte ich Woogie, wie er sich verhalten sollte, dann schlüpfte ich auf den Robotergang und huschte zwischen zwei Elementblö‐ cken hindurch neben ein pyramidenförmiges Aggregat. Der Maahk hatte mich nicht bemerkt. Dennoch konnte ich das Feuer noch nicht eröffnen, denn sein Schutzschirm war aktiviert und ich würde einige Zeit brauchen, um ihn mit Strahlschüssen aufzureißen. Nur Woogie konnte mir die benötigte Zeit verschaffen. Der Maahk marschierte in dem Raum hin und her. Die Augen auf seinem sichelförmigen Kopfwulst beobachteten die Umgebung aufmerksam und sehr präzise. Als Woogie aus seinem Versteck feuerte, sprang der Maahk mit einem gewaltigen Satz zur Seite, warf sich hin und zielte auf das Versteck des kleinen Burschen. Ich wartete, bis er seinen Strahler abfeuerte. Woogie war nicht gefährdet, wenn er meine Anweisung beachtet und sich sofort zurückgezogen hatte. Als aus dem Strahler des Maahks ein sonnenheller Energiestrahl brach, feuerte ich. Der Maahk reagierte nicht schnell genug, weil er lang und weil er sich auf den anderen Gegner konzentriert hatte. Bevor er sich herumwerfen konnte, hatte mein Dauerfeuer seinen Schutzschirm so stark belastet, daß er in einer flimmernden Leuchterscheinung zusammenbrach. Mein Energiestrahl zerstörte den Schutzanzug des Maahks, und der ein‐ strömende Sauerstoff tötete das Wesen beim ersten Atemzug. »Du kannst kommen, Woogie!« rief ich. Mein kleiner Gefährte kam zögernd aus seiner Deckung hervor. Furcht‐ sam musterte er den riesigen Maahk in dem unförmigen Schutzanzug. Er sah ein solches Wesen zum erstenmal aus unmittelbarer Nähe, und wer zum erstenmal einen Maahk sah, der konnte sich schon bei dem Anblick fürchten. »Fangen wir an!« sagte ich.
Wieder schossen mir mit unseren varganischen Energiewaffen auf die Funktionselemente. Doch diesmal konnten wir nur knapp die Hälfte davon zerstören, bevor die Maahks es bemerkten und uns einen Einsatztrupp schickten. Wir kamen nur mit dem Leben davon, weil in dem Augenblick, in dem die Maahks durch das Schott in den Raum stürmten, direkt vor ihnen ein Funktionsblock explodierte und die ersten Wasserstoffatmer tötete. Das gab Woogie und mir die winzige Zeitspanne, die wir brauchten, um uns in den Robotergang zurückzuziehen. Wir waren schon mindestens zwanzig Meter tief in den Gang eingedrun‐ gen, als die ersten Strahlschüsse hineinfuhren und die Wände zerschmol‐ zen. Ich packte Woogie und stieß ihn in einen schräg abwärts führenden Schacht, dann sprang ich hinterher. Fürs erste waren wir außer Gefahr. Die Maahks wußten zwar, auf wel‐ chem Wege wir gekommen waren, aber sie konnten uns nicht folgen, da die Robotergänge zu eng für diese riesigen Lebewesen waren. Nach einer Weile legten wir eine Rast ein. Woogie zitterte an allen Glie‐ dern. Für dieses friedfertige Wesen waren die Kämpfe einfach zuviel. Ich überlegte, wohin wir uns als nächstes wenden konnten. Sicher schick‐ ten die Maahks immer mehr Leute aus ihrem Schiff herüber, und es würde immer schwieriger und gefährlicher werden, irgendwo Schaden anzurich‐ ten. Doch das spielte längst keine Rolle mehr. Ich war sicher, daß die Maahks uns sowieso töten würden – und da wir in dem Varganenschiff nicht für alle Zeiten untertauchen konnten, würde das früher oder später eintreten. »Wir nehmen uns die Astronomische Speichersektion vor«, überlegte ich laut. »Dort werden die Maahks uns am wenigsten erwarten, und doch ist es wichtig, daß sie die gespeicherten astronomischen Daten nicht bekom‐ men. Sie würden Hinweise auf andere varganische Welten und Stützpunk‐ te erhalten und damit die Chance, weitere technische Geheimnisse dieses uralten Volkes zu finden.« »Ja, Herr!« erwiderte Woogie. »Sag nicht ›Herr‹ zu mir«, erklärte ich. »Ich bin dein Freund, Woogie. Nenne mich Atlan.« Aber der kleine Bursche getraute sich nicht, von meinem Angebot
Gebrauch zu machen. Zu tief war das Sklavenbewußtsein in seiner Psyche verwurzelt. Ich klopfte ihm auf die Schulter, dann machte ich mich auf den Weg zur Astronomischen Speichersektion. Unterwegs entschloß ich mich, einen Vorstoß in eine andere Ausrüstungskammer zu wagen. Dort waren, jeden‐ falls bei Ischtars Raumschiff, schwere Waffen und handliche Bomben gela‐ gert. Vor allem die Bomben konnten uns sicher sehr nützlich sein. Es gelang uns tatsächlich, die betreffende Ausrüstungskammer zu betre‐ ten, denn sie war unbewacht. Schnell raffte ich zusammen, was ich erreichen konnte, dann wandte ich mich wieder dem Robotergang zu. Plötzlich hörte ich vor dem geschlossenen Schott der Kammer das Stamp‐ fen maahkscher Raumstiefel. Ich stieß meinen Gefährten vorwärts, nahm eine eigroße Fusionsbombe mit verzögerter Reaktionsdauer, stellte sie auf eine Zünderlaufzeit von zwei Minuten und warf sie hinter ein Regal mit Detonatoren. Dann eilte ich Woogie nach. Wir waren kaum mehr als zehn Meter in den Robotergang eingedrungen, als wir hörten, daß die Maahks in die Ausrüstungskammer stürmten. Ich schaltete mein Flugaggregat ein, packte Woogie und steuerte durch den stark gewundenen Gang, ohne Rücksicht darauf, daß ich immer wie‐ der mit den Schultern und den Armen gegen die Wandung stieß und mir schmerzhafte Prellungen zuzog. Wir schwebten gerade einen kurzen senkrechten Schacht nach oben, als uns eine Welle kochender Luft traf und gleich einem Korken durch den Schacht trieb. Wir wurden in eine runde Kammer gewirbelt, und ich schal‐ tete mein Flugaggregat aus, damit wir wieder unser normales Gewicht erhielten. Schwer fielen wir zu Boden. Um uns orgelte und pfiff hocherhitzte Luft durch das separate Gangsys‐ tem, dann explodierten Waffenmagazine und andere Bomben und ver‐ wandelten einen Teil des Schiffes in ein Inferno. Als der Lärm aufhörte und die Luft allmählich wieder abkühlte, wartete ich darauf, daß die Maahks mit massierten Kräften nach uns suchen wür‐ den. Doch nichts dergleichen geschah.
Es blieb still, beinahe unheimlich still. Nur von ferne vernahm ich manchmal lautes Poltern, das sich aber mehr und mehr abschwächte. Die Maahks verlassen das Schiff! teilte mir mein Logiksektor mit. Ich überlegte noch, ob die Wasserstoffatmer etwa riskieren würden, die Doppelpyramide mit den Geschützen ihres Walzenschiffes zu beschießen und dabei die Zerstörung wertvollster technischer Anlagen in Kauf zu nehmen, da fühlte ich plötzlich eine rasch zunehmende Schwäche. Narkosestrahlen! konnte ich noch denken, dann erlosch mein Bewußtsein. * Es war, als hätte ich lange auf dem Grunde eines tiefen Sees gelegen und schwebte jetzt zur Oberfläche empor. Als mein Kopf die Oberfläche des imaginären Sees durchbrach, kam ich wieder voll zu Bewußtsein. Bevor ich irgendwie reagieren konnte, raunte mir mein Extrasinn zu: Vorsicht! Passiv verhalten, bis die Lage geklärt ist! Die Maahks hatten das Var‐ ganenschiff mit Narkosestrahlen beschossen; folglich sind sie hier, um nachzuse‐ hen, wer ihnen so sehr auf die Nerven fiel. Ich richtete mich nach dem Rat, doch die Maahks hielten wohl nicht viel von meiner Passivität, denn ich wurde von starken Händen gepackt, hoch‐ gerissen und auf die Füße gestellt. Dabei sah ich Woogie – beziehungsweise das, was von dem armen Kerl übriggeblieben war. Die Maahks hatten ihn mit einem Detonator getötet, wahrscheinlich, als er noch bewußtlos gewesen war. Wenigstens hatte er dadurch weder Furcht noch Schmerzen verspüren können. Ich konnte mir vorstellen, was die Maahks dazu bewogen hatte, Woogie zu töten. Sie hatten ihn als unbedeutende Hilfskraft eingestuft, die für sie ohne Wert war, und Maahks nahmen niemanden gefangen, der ihnen nicht irgendwie von Nutzen sein konnte. Bei mir lagen die Dinge anders. Ich war unverkennbar ein Arkonide. Au‐ ßerdem hatte ich durch meine Aktionen im Varganenschiff verraten, daß ich große Kampferfahrung besaß und ein guter Taktiker war, woraus die Wasserstoffatmer schließen mußten, daß ich ein hochgestellter Arkonide im Offiziersrang war.
Es spielte vorerst keine Rolle, daß sie sich in dieser Beziehung irrten. Wichtig war nur, daß ich noch lebte und überlegen konnte, wie ich den Maahks soviel Schaden wie nur möglich zufügen konnte. Allerdings wür‐ den die Maahks das voraussehen und sich entsprechend verhalten. Aber ich würde nicht aufgeben, solange ich lebte. Ein Maahk hielt mich fest, während ein anderer mich entwaffnete. Dann stießen die Wasserstoffatmer mich vorwärts. Es war klar, daß sie mich aus dem Varganenschiff bringen wollten. Ich leistete keinen Widerstand, da ich, unbewaffnet, wie ich war, gegen die überlegenen Körperkräfte meiner Feinde nichts ausrichten konnte. Unterwegs zur Hauptschleuse begegneten wir weiteren Maahks. Manche transportierten auf Antigravplattformen demontierte Maschinenteile und Kontrollinstrumente, andere schleppten Spezialwerkzeuge mit sich herum. Ich wurde nicht sonderlich beachtet, und auch meine Wächter behandel‐ ten mich nicht ausgesprochen brutal. Sie gingen lediglich so rauh mit mir um wie mit einer beliebigen Sache. Ob sie überhaupt hassen konnten, war von unseren Kosmopsychologen noch nicht genau herausgefunden wor‐ den. Viele Wissenschaftler behaupteten, die Maahks wären überhaupt kei‐ nes Gefühls fähig, also auch nicht des Hasses. Sie töteten und vernichteten nur, weil es ihnen logisch erschien, einen Feind völlig zugrunde zu richten, da ein toter Feind sich nicht wieder gegen sie erheben konnte. Als wir das Varganenschiff verließen, war es draußen heller Tag. Die Sonne schien als gelblicher Fleck durch eine geschlossene Wolkendecke. Es schneite nicht, und es war auch nicht unerträglich kalt. Das Walzenraumschiff der Maahks ragte als riesiges schwarzes Gebilde aus dem Schnee. Ich klassifizierte es als neunhundert Meter langes und dreihundert Meter durchmessendes Schlachtschiff mit Zusatztriebwerken zur Erzielung höherer Beschleunigungswerte und normaler Bewaffnung. Meine Bewacher trieben mich durch eine Gasse im Schnee auf ihr Raum‐ schiff zu. Wir betraten das Schiff durch eine Nebenschleuse. Vorher mußte ich meinen Druckhelm zuklappen und den Schutzanzug schließen, denn in der Wasserstoff‐Methan‐Ammoniak‐Atmosphäre innerhalb des Maahk‐ schiffs wäre ich sonst umgekommen, ganz abgesehen vom hohen Druck und der hohen Temperatur der Atmosphäre, die von den Maahks geatmet wurde. Außerdem herrschte an Bord des Walzenschiffs eine konstante Schwerkraft von schätzungsweise drei Gravos, die allerdings vom An‐
tigrav des varganischen Schutzanzugs bis auf den varganischen Normal‐ wert kompensiert wurde. Als wir nach kurzem Gang durch das Schiff eine kleine Halle betraten, die durch eine transparente Stahlwand unterteilt war, wußte ich, daß die Maahks mich in eine Niederdruckkammer mit Sauerstoffatmosphäre und den übrigen für Arkoniden zuträglichen Bedingungen sperren würden. Allerdings hatte ich erwartet, daß man mir befehlen würde, in der Über‐ gangsschleuse den Schutzanzug abzulegen. Zu meinem Erstaunen verzich‐ teten die Maahks jedoch darauf. Ich hütete mich selbstverständlich, sie auf ihr Versäumnis aufmerksam zu machen, denn im Besitz des Schutzanzugs würde ich mich gefahrlos innerhalb des Maahkschiffes bewegen können, falls ich mich aus meinem Gefängnis befreien konnte – und darauf wollte ich mit aller Energie hinar‐ beiten. Nachdem meine Bewacher die Schleuse elektronisch verriegelt hatten, ließen sie mich allein. Ich klappte den Druckhelm zurück und holte vorsichtig Luft. Die Luft war sauber und sauerstoffreich; sie enthielt etwas mehr Sauer‐ stoff als die Atmosphäre der drei Arkonwelten. Doch das machte mir nicht viel aus. Ich war es gewöhnt, mich an die abweichenden Umweltbedin‐ gungen unterschiedlicher Sauerstoffwelten rasch anzupassen. Meine Zelle enthielt eine Konturliege und einen Plastikhocker arkonidi‐ scher Bauweise, wahrscheinlich Beutestücke. Außerdem gab es ein gegen Sicht abgeschirmtes Abteil mit hygienischen Einrichtungen. Das war bei‐ nahe mehr Komfort, als Arkoniden maahkschen Gefangenen zukommen ließen. Ich setzte mich auf den Hocker und dachte nach. Eines war mir klar: Die Maahks wollten mich verhören und hofften, wertvolle Informationen von mir zu erhalten. Sie konnten logischerweise annehmen, daß ich nicht der einzige Arkonide auf diesem Planeten war. Sicher vermuteten sie, daß es irgendwo einen arkonidischen Stützpunkt gab – oder doch zumindest das Schiff, mit dem ich ihrer Ansicht nach her‐ gekommen war. Ich fragte mich, wie lange ich sie hinhalten konnte, denn sobald sie merk‐ ten, daß es hier weder einen Stützpunkt noch ein Raumschiff gab und ich ihnen keine Informationen über militärische Details der Flotte des Großen
Imperiums geben konnte, würden sie mich als unbedeutend einstufen und genau wie Woogie töten. Als zwei maahksche Techniker auf der anderen Seite der transparenten Trennwand erschienen und einen Translator installierten, wußte ich, daß mein Verhör dicht bevorstand. Kaum waren die Techniker verschwunden, als auch schon ein Maahk auftauchte, der, den Symbolen auf seinem Kampfanzug nach zu urteilen, der Kommandant dieses Schiffes sein mußte. Das zirka 2,20 Meter große und 1,50 Meter breite Lebewesen musterte mich kalt aus seinen vier grünlich schillernden Doppelaugen auf dem Grat seines Kopfwulstes. Ich erwiderte den Blick mit äußerlicher Gelassenheit, erhob mich jedoch, da ich nicht als unhöflich erscheinen wollte. Nach einiger Zeit schaltete der Maahk den Translator ein und bewegte seinen Mund. Ich konnte nicht direkt hören, was er sagte. Das Translatorgerät übersetz‐ te mit seinem positronischen Funktionssystem die in Kraahmak gespro‐ chenen Worte meines Gegenübers, und das elektronisch‐mechanische Wortbildungssystem formte aus den von der Positronik kommenden Im‐ pulsen Wörter und Sätze in Interkosmo. »Ich bin der Grek‐1 dieses Raumschiffs«, sagte der Maahk. Ich wußte, daß der jeweilige Kommandant jeder beliebigen maahkschen Einheit – ob es sich nun um ein Raumschiff, einen Stützpunkt oder eine ganze Raumflotte handelte – immer den Titel Grek‐1 trug. Mein Gegenüber war also, was ich schon vermutet hatte, der Kommandant des Walzen‐ schiffs. »Ich habe verstanden«, gab ich zurück, und der Translator funktionierte in umgekehrter Richtung ebenso gut, was ich an der Reaktion des Maahks bemerkte. »Das ist gut«, erwiderte er. »Als arkonidischer Adliger werden Sie sicher begreifen, daß Sie mit mir kooperieren müssen, wenn Sie am Leben bleiben wollen.« Das war logisch. Aus meinen Handlungen an Bord des Varganenschiffs und aus meinem ganzen Benehmen mußten die Maahks zu dem Schluß kommen, daß ich ein hochgestellter Arkonide war – und nur adlige Arkoniden konnten die
hohen Ränge innerhalb unserer Hierarchie erreichen. Allerdings konnten die Maahks nicht ahnen, wie hochgestellt ich tatsäch‐ lich war, auch wenn Orbanaschol bisher verhindert hatte, daß ich den mir zustehenden Rang im Großen Imperium einnahm. Und das war etwas, das ich ihnen auf gar keinen Fall verraten würde. * »Als Offizier des Großen Imperiums habe ich mich unter Eid verpflichtet, keinem Feind unseres Reiches militärische Geheimnisse preiszugeben«, antwortete ich. »Solange Sie diesen Punkt nicht berühren, will ich versu‐ chen, mit Ihnen zu kooperieren. Aber warum haben Sie mich überhaupt am Leben gelassen?« »Das erfahren Sie später, Arkonide«, wehrte Grek‐1 ab. »Aber Sie sehen Ihre Lage noch nicht völlig klar. Da Sie sich in unserer Gewalt befinden, könnten wir Mittel anwenden, um Ihnen militärische Geheimnisse zu ent‐ reißen.« »Ich werde lieber sterben, als Ihnen Informationen zu liefern, mit deren Hilfe Sie dem Großen Imperium schaden könnten!« entgegnete ich mit der Arroganz, die die meisten hochgestellten Offiziere des Imperiums an den Tag gelegt hätten. »Wir erkennen Tapferkeit an«, erwiderte Grek‐1. »Aber wir wissen auch, ohne daß Sie etwas darüber sagen, daß es auf diesem Planeten einen arko‐ nidischen Stützpunkt geben muß. Wir wissen auch, daß das Raumschiff, in dem Sie gefangengenommen wurden, kein arkonidisches Raumschiff ist. Sie begehen keinen Verrat, wenn Sie mir sagen, welches Volk dieses Schiff gebaut hat.« »Sie haben dieses Raumschiff vor mir entdeckt«, antwortete ich wahr‐ heitsgemäß. Dann allerdings log ich, denn wenn es auch kein Verrat arko‐ nidischer Geheimnisse gewesen wäre, dem Maahk etwas über die Varga‐ nen zu sagen, so hätte es ihm doch genützt – und alles, was den Maahks nützte, schadete direkt oder indirekt meinem Volk. »Folglich wissen Sie mehr darüber als ich«, fuhr ich fort. »Ich wurde mit meinem Begleiter, den Ihre Leute erschossen haben, rein zufällig in diese Gegend verschlagen und stieß auf Ihr Schiff und auf das fremde Raum‐
schiff.« »Das klingt logisch«, meinte der Maahk. »Und es ist auch logisch, daß Sie versuchten, uns daran zu hindern, die wichtigsten technischen Anlagen des Schiffes zu demontieren und zu bergen. Ihr taktisches Geschick, Ihr Mut und Ihr Erfolg verdienen Anerkennung. Ich denke, daß Sie für unser Volk noch von großem Nutzen sein werden. Man wird Ihnen Nahrung bringen. Später komme ich wieder. Schalten Sie die Bildschirme der Au‐ ßenbeobachtung ein, die sich in Ihrer Niederdruckkabine befinden, und informieren Sie sich inzwischen über den Fortgang unserer Bergungsarbei‐ ten.« Der Maahk wandte sich um und stapfte hinaus. Als sich das Schott hinter ihm geschlossen hatte, ging ich zur Bedie‐ nungskonsole der Bildschirme und aktivierte die Anlage. Die drei Bildschirme wurden hell und zeigten deutlich die Umgebung des Walzenschiffs. Ich sah, daß die Doppelpyramide etwa zur Hälfte gehoben worden war. Zwischen ihr und dem Maahkschiff pendelten laufend Antigravplattfor‐ men und transportierten Material aus dem Schiff des Sehers in das Raum‐ schiff der Maahks. Grek‐1 legte offenbar Wert darauf, daß ich erkannte, wie groß die techni‐ sche Ausbeute der Maahks trotz meiner Sabotageaktionen war. Er mußte erkannt haben, daß die technischen Anlagen der Doppelpyramide für jedes raumfahrttreibende Volk von unermeßlichem Wert waren – und ich sollte wahrscheinlich zu der Überzeugung kommen, daß das Große Imperium sich vom heutigen Tag an auf der Bahn des Verlierers befand. Psychologische Zermürbungstaktik! teilte mir der Logiksektor meines Ext‐ rahirns mit. Du sollst einsehen, daß du an der aussichtslosen Lage deines Volkes nichts änderst, wenn du schweigst. Ich setzte mich wieder und dachte nach. Zweifellos war das Vorgehen von Grek‐1 als psychologische Zermür‐ bungstaktik zu werten. Aber da ein Maahk streng logisch dachte, konnte er nicht mit hundertprozentiger Gewißheit darauf zählen, daß ich unter der Last der Einsicht zusammenbrach. Die Wahrscheinlichkeit dafür, daß ich fest blieb, war ebenso groß. Folglich mußte Grek‐1 noch einen anderen Zweck verfolgen. Allerdings besaß ich noch keinen Anhaltspunkt dafür, welcher Zweck das war.
Vielleicht hatte es mit dem Grund zu tun, aus dem die Maahks mich nicht getötet, sondern gefangengenommen hatten. Für gewöhnlich reichte bei den Wasserstoffatmern die Möglichkeit, durch Verhöre Informationen zu bekommen, nicht aus, um eine Gefangennahme zu motivieren. Aber so sehr ich auch darüber nachdachte, ich kam zu keinem befriedi‐ genden Ergebnis. Kurz darauf erschienen zwei Maahks. Einer von ihnen öffnete die Durchgangsschleuse, stellte ein Tablett mit Speisen und Getränken in die kleine Kammer und schloß wieder ab, während der andere Maahk mit schußbereitem Detonator darüber wachte, daß ich keinen Ausbruchsver‐ such unternahm. Ich verhielt mich friedlich und nahm eine Haltung ein, aus der die Maahks, wenn sie etwas von arkonidischer Psychologie verstanden, schlie‐ ßen würden, daß ich es für unter meiner Würde hielt, einen ihres Volkes mit bloßen Händen anzugreifen und dadurch sozusagen körperlichen Kon‐ takt herzustellen. Erst nachdem die beiden Maahks wieder gegangen waren, öffnete ich das unverschlossene Innenschott der Schleuse und holte das Tablett herein. Ich stellte es auf den Hocker, setzte mich auf den Rand der Konturliege und musterte die Speisen und Getränke. Die Maahks behandelten mich tatsächlich gut, wahrscheinlich, weil ich durch den Kampf, den ich ihnen in dem Varganenschiff geliefert hatte, ihre Achtung und ihren Respekt gewonnen hatte. Derart kämpferisch veranlag‐ te Naturen, wie die Maahks, respektierten nichts mehr als den persönlichen Mut und den kämpferischen Erfolg eines Wesens, auch wenn es sich um einen Feind handelte. Was sie mir geschickt hatten, war nicht die unansehnliche Synthonah‐ rung, wie sie arkonidische Mannschaftsdienstgrade auf den Schiffen des Großen Imperiums erhielten. Es waren Speisen, wie sie den hohen Offizie‐ ren der Imperiumsflotte vorbehalten waren. Dazu gab es einen vorzügli‐ chen Wein. Ich aß soviel, daß ich gesättigt war, aber nicht soviel, daß mein Organis‐ mus dadurch zu sehr belastet wurde. Von dem Wein trank ich nur einen Becher. Ich wollte nüchtern bleiben, denn ich wußte, daß ich bald ausbre‐ chen mußte. Wenn die Maahks mir erst meinen varganischen Schutzanzug weggenommen hatten, war es damit vorbei.
Während der Mahlzeit legte ich mir meinen Plan zurecht. Eine Möglich‐ keit, aus meinem Gefängnis zu entkommen, hatte ich inzwischen bereits entdeckt. Folglich kam es nur noch darauf an, mich nach dem Ausbruch so zu verhalten, daß ich innerhalb kürzester Zeit größtmöglichen Schaden anrichten konnte. 5. Natürlich war es möglich, daß mein Gefängnis getarnte Teleaugen und Mikrophone enthielt, doch dieses Risiko mußte ich eingehen. Grek‐1 hatte, als er mich verließ, den Translator nicht abgeschaltet. Das war sein entscheidender Fehler gewesen, denn so unglaubhaft es klingen mochte, der Translator stellte für mich ein Mittel dar, aus meinem Gefäng‐ nis zu entkommen. Genau genommen, boten sich mir mit ihm sogar zwei Möglichkeiten an. Ich hätte ihn beispielsweise aus dem Stahlrahmen brechen können, in dem er in der transparenten Trennwand befestigt war. Das hätte allerdings viel Zeit‐ und Kraftaufwand gekostet, aber das war es nicht, weshalb ich diesen Plan sofort wieder verwarf. Ich konnte den Translator nämlich auf eine viel einfachere Weise als Schlüssel benutzen, um mein Gefängnis zu verlassen. Die Methode war so einfach, daß die Maahks wohl nur deshalb nicht an diese Möglichkeit ge‐ dacht hatten. Für sie, die logische und taktische Spiele geradezu liebten, waren simple Gedankengänge fast schon unter ihrer Würde. Die Voraussetzung dafür, daß mein Plan aufging, hatten mir die beiden Maahks geliefert, die mir das Essen gebracht hatten. Zwar hatte ich schon vorher bemerkt, daß die elektronische Ver‐ und Entriegelung des Außen‐ schotts der Durchgangsschleuse mittels eines gesprochenen Kodeworts erfolgte, aber erst durch den versehentlich nicht abgeschalteten Translator hatte ich dieses Kodewort auch hören und verstehen können. Es hieß auf Interkosmo »Sechseck‐Sternkonstellation«, und ich brauchte es nur auszusprechen, um die Tür zu meinem Gefängnis zu öffnen, denn da der Translator nach beiden Seiten funktionierte, übersetzte er den Beg‐ riff »Sechseck‐Sternkonstellation« praktisch ohne zeitliche Verzögerung in das entsprechende Wort des Kraahmak – und auf genau diese akustische
Komposition sprach die elektronische Verriegelung des Außenschotts an. Ich zögerte nicht, meinen Plan in die Tat umzusetzen. Nachdem ich meinen Druckhelm über den Kopf gestülpt und den varga‐ nischen Schutzanzug geschlossen hatte, sprach ich das Kodewort aus. Fast im gleichen Augenblick öffnete sich das Außenschott der Durch‐ gangsschleuse. Ich öffnete das unverriegelte Innenschott und schloß es sofort wieder hin‐ ter mir, damit nicht zuviel von dem unter hohem Druck stehenden äußeren Gasgemisch in die Sauerstoffzelle eindrang und dort vielleicht den Alarm eines Prüfgeräts auslöste, dann eilte ich zu dem auf den Schiffskorridor führenden Schott. Als das Schott sich vor mir öffnete, hielt ich unwillkürlich den Atem an. Mir war klar, daß mein Plan so gut wie gescheitert sein würde, wenn sich draußen Maahks in der Nähe befanden. Der rein äußerliche Unterschied zwischen einem Maahk und einem Arkoniden war so groß, daß er niemals übersehen werden konnte. Doch ich hatte Glück. Kein einziger Maahk hielt sich draußen auf. Wahr‐ scheinlich lag das daran, daß die meisten Maahks sich in dem Raumschiff des Sehers aufhielten und der Rest der Besatzung auf den Stationen war, damit das Walzenschiff beim eventuellen Auftauchen von Feinden ohne Verzögerung gefechtsbereit gemacht werden konnte. Mein Ziel stand fest. Ich wollte in den Maschinenraum eindringen und die Energieleitsysteme so umschalten, daß beim Start des Walzenschiffs ein Energierückstau ein‐ trat, der unweigerlich zur Explosion der Maschinen und damit zur Zerstö‐ rung des Schiffes führen mußte. Wenn mir das gelang, wollte ich versuchen, aus dem Walzenschiff zu entkommen und in die Berge zu fliehen. Meine Überlebenschancen würden zwar dort auch nicht groß sein, aber wenn ich an Bord blieb, waren sie gleich Null. Falls die Maahks meine Flucht verhinderten, würden sie mich entweder sofort erschießen oder mich wieder einsperren. Das würde mir zwar nicht gefallen, aber viel wichtiger war, daß das Maahkraumschiff mitsamt dem technischen Erbe der Varganen zerstört wurde, und wenn ich bei der Exp‐ losion mit umkam, hatte ich meinem Volk dadurch so sehr geholfen, daß mein Leben als Preis dafür nicht zu hoch war.
Ich wußte, in welche Richtung ich mich wenden mußte, um in die Ma‐ schinensektion zu gelangen. Deshalb stieg ich auf das Transportband, das sich in der betreffenden Richtung bewegte. Nach kurzer Zeit erreichte ich das Maschinendeck, ohne einem Maahk zu begegnen. Allerdings durfte ich nicht erwarten, auch im Maschinenraum selbst kei‐ nen Maahk vorzufinden. Selbstverständlich würden die dort stationierten Techniker und Ingenieure auf ihrer Station sein. Ich konnte vielleicht unge‐ sehen in den Maschinenraum gelangen, aber wenn ich mich an den Ma‐ schinen zu schaffen machte, würde ich mit Sicherheit entdeckt werden. Es kam folglich darauf an, die Maahks über meine wahre Identität zu täuschen. Das aber konnte ich nur, wenn ich wenigstens rein äußerlich so aussah wie einer der Wasserstoffatmer. Ich atmete auf, als ich feststellte, daß eine der Voraussetzungen meines Plans sich erfüllte. Zwar hatte ich es nicht sicher gewußt, aber ich hatte annehmen dürfen, daß auch die Maahks direkt vor wichtigen und beson‐ ders gefährdeten Schiffssektionen eine Auswahl von Schutzanzügen be‐ reitgestellt hatten, die im Alarmfall für die betreffende Mannschaft schnell erreicht werden konnte. Und meine Annahme bestätigte sich. In einer rechteckigen Korridornische waren an Magnetklammern neun schwere maahksche Schutzanzüge aufgehängt. Ich brauchte nur einen an mich zu nehmen und über meinen eigenen Schutzanzug zu streifen, um aus einiger Entfernung wie ein Maahk auszusehen. Allerdings war das nicht so leicht, wie es sich anhörte. Ich merkte es, als ich den Schutzanzug übergestreift und seine Überle‐ benssysteme aktiviert hatte. Das aus den Rückenbehältern einströmende Wasserstoff‐Methan‐Ammoniak‐Gemisch wurde von der Apparatur auf den für Maahks erforderlichen hohen Gasdruck gebracht, so daß ich mich kaum noch bewegen konnte. Dazu kam, daß der maahksche Schutzanzug für Lebewesen konstruiert war, deren Körperkräfte die von Arkoniden um ein Mehrfaches überstie‐ gen. Entsprechend starkwandig und schwer waren die einzelnen Teile gearbeitet. Jeder Schritt kostete mich genausoviel Kraft wie das Anheben eines Geräts von fünfzig Kilogramm Masse.
Nach drei Schritten war ich nahe daran, wieder aufzugeben. Es erschien mir unmöglich, überhaupt bis in den Maschinenraum zu gelangen, ganz zu schweigen davon, mich darin so wie ein echter Maahk zu bewegen. Während ich verzweifelt dastand, erinnerte ich mich daran, daß Ischtar mir einmal etwas von einer Droge erzählt hatte, die die Varganen Achtyl‐ Hachat nannten und die sie einzunehmen pflegten, wenn sie Belastungen ausgesetzt waren, die ihre normalen Kräfte überstiegen. Ich wußte nicht, wie die Droge – beziehungsweise ihre Darreichungs‐ form – aussah, aber es erschien mir wahrscheinlich, daß varganische Raumfahrer, falls sie diese Droge bei sich führten, sie in ihrem Schutzanzug trugen, und zwar innen. Da das Achtyl‐Hachat meine letzte Hoffnung darstellte, suchte ich in fie‐ berhafter Eile die zahlreichen Innentaschen des varganischen Schutzanzugs ab. Jeden Moment konnte ein Maahk erscheinen und Verdacht schöpfen, wenn jemand, der ebenfalls wie ein Maahk aussah, untätig herumstand, obwohl jedes Besatzungsmitglied eigentlich beschäftigt war. Es gab eine Menge kleiner und offenbar nicht sehr bedeutender Gegens‐ tände, die ich aus den Innentaschen zutage förderte. Darunter befand sich jedoch auch eine durchsichtige Plastikschachtel, in der drei violette Gal‐ lertkügelchen lagen. Waren diese Kügelchen die Darreichungsform der bewußten Droge? Ich wußte es nicht. Ebensogut konnten es Giftkapseln sein, mit deren Hil‐ fe varganische Raumfahrer Selbstmord begehen konnten, wenn die Gefahr bestand, daß sie sonst auf eine andere, weniger sanfte Weise zu Tode kommen würden. Aber hatte ich überhaupt noch eine Wahl? Wenn es mir nicht gelang, etwas Wirksames gegen die Maahks zu unter‐ nehmen, war es sicher besser, gleich zu sterben, denn dann konnte Grek‐1 mich nicht benutzen, wofür auch immer. Dennoch brach mir der kalte Schweiß aus, als ich eines der Gallertkügel‐ chen schluckte. Der Selbsterhaltungstrieb war auch bei hochentwickelten Lebewesen immer noch der stärkste Trieb. Wenige Augenblicke später wurde mir übel. Ich fror plötzlich und zitter‐ te an allen Gliedern, während ich gegen das Erbrechen ankämpfte. Und plötzlich schwanden diese Erscheinungen wieder. Ich spürte, wie ungeahnte Kräfte meinen Körper durchpulsten und wie ich von großer
Zuversicht erfüllt wurde, beinahe von Euphorie. Das Achtyl‐Hachat hatte gewirkt! * Als das Schott sich vor mir öffnete, blickte ich in eine große Maschinen‐ halle. Insgesamt neun Maahks standen in dem Raum. Sie waren aber weit genug voneinander entfernt, daß ich zwischen ihnen hindurchgehen konn‐ te, ohne wegen des transparenten Druckhelms sofort als Arkonide erkannt zu werden. Es war wundervoll, wie leicht ich mich in dem schweren Schutzanzug bewegte. Ich fühlte mich fähig, Bäume auszureißen. Du Narr! raunte mir mein Logiksektor zu. Vergiß über dem Triumph nicht deine Aufgabe! Beschämt erkannte ich, daß ich tatsächlich für einen Moment vergessen hatte, weshalb ich in den Maschinenraum gekommen war. Das Achtyl‐ Hachat hatte offenbar eine Nebenwirkung, die die Kritikfähigkeit stark herabsetzte. Vielleicht traf das nur bei mir zu, weil sich mein Metabolismus vom Metabolismus eines Varganen unterschied. Langsam stapfte ich durch die Halle. Ich suchte nach den Maschinen, an denen ich die entscheidenden Schaltungen vornehmen mußte. Da sie zur Zeit nicht aktiviert waren, standen auch keine Maahks dort. Ich trat vor die erste Maschine, öffnete die Abdeckplatte über den Schal‐ tungen und studierte das Innenleben. Natürlich unterschied es sich vom Innenleben arkonidischer Maschinen, aber nur in Details, denn die Systeme auf Maahkraumern und Arkoniden‐ schiffen funktionierten nach den gleichen Prinzipien, da wir uns in etwa auf dem gleichen technischen Entwicklungsstand befanden. Trotzdem gaben mir diese Details mehr als genug Nüsse zu knacken. Ich brauchte etwa dreimal solange, wie ich an einer entsprechenden arkonidi‐ schen Maschine gebraucht hätte, um die Umschaltung vorzunehmen. Dennoch verlor ich meine Zuversicht nicht. Ich warf einen Blick auf meine »Kollegen« und registrierte erleichtert, daß sie sich nicht um mich kümmerten. Schuld daran war wohl die strenge Disziplin auf den Raumschiffen der Maahks, die niemandem einen Spiel‐
raum für Eigeninitiative ließ, jedenfalls nicht während der Dienstzeit, und nicht bei untergeordneten Kräften. Die anderen Maahks hatten mich bestimmt gesehen, aber sie mußten an‐ nehmen, daß ich mit einem speziellen Auftrag des Kommandanten oder eines anderen Vorgesetzten in die Maschinenhalle gekommen war. Folglich sahen sie keinen Anlaß, sich um mich und meine Tätigkeit zu kümmern. Ich wandte mich der nächsten Maschine zu. Diesmal ging es erheblich schneller, da ich bei der ersten Maschinen‐ schaltung Erfahrungen gesammelt und aus ihnen gelernt hatte. Aber mitten in der Arbeit wurde mir schwarz vor Augen. Ich mußte mich an den Rand der Maschine klammern, um nicht umzufallen, denn meine Knie schienen plötzlich aus Weichplastik zu bestehen. Die Wirkung der Droge läßt nach! teilte mir mein Logiksektor mit. Zum gleichen Schluß war ich von allein gekommen. Ich versuchte, die Schachtel mit den beiden restlichen Gallertkügelchen aus der Innentasche zu holen. Es wollte mir nicht gelingen, da ich meinen Arm nicht aus dem Ärmel des maahkschen Schutzanzugs bekam. Endlich erreichte ich es doch. Ich zog die Schachtel aus ihrer Tasche, öff‐ nete sie und nahm ein Gallertkügelchen heraus. Als ich es in den Mund schob, fiel die letzte Gallertkugel aus der Schachtel und verschwand ir‐ gendwo in den Tiefen des maahkschen Schutzanzugs. Wenn ich nicht zu schwach dazu gewesen wäre, hätte ich eine Verwün‐ schung ausgestoßen. Mit Hilfe der letzten Drogenkugel wäre es mir wahr‐ scheinlich möglich gewesen, alle geplanten Umschaltungen durchzuführen und die Maschinenhalle unerkannt wieder zu verlassen. Damit war es nun vorbei. Ich entschloß mich, nur noch dieses eine Aggregat fertig umzuschalten und dann die Halle zu verlassen. Mehr Zeit hatte ich nicht. Endlich tauchten wieder die gleichen unangenehmen Begleiterscheinun‐ gen auf. Ich fühlte mich übel, fror und zitterte und glaubte, sterben zu müssen. Doch diesmal kannte ich die Symptome und konnte beruhigt die volle und positive Wirkung der Droge abwarten. Danach führte ich meine Arbeit an der Maschine zu Ende und verließ den Maschinensaal wieder. Draußen blickte ich mich um.
Immer noch lag der Korridor verlassen da. Sollten die Maahks noch nicht entdeckt haben, daß ihr Gefangener aus‐ gebrochen war? Es war kaum vorstellbar – und doch mußte es so sein, sonst wäre längst Alarm gegeben worden und im Schiff würde es von Suchtrupps wimmeln. Wahrscheinlich waren die führendem Maahks so stark von der Auswer‐ tung des Fundes beansprucht, daß sie sich um nichts anderes kümmerten. Hastig streifte ich den maahkschen Schutzanzug wieder ab, dann stellte ich mich auf das Transportband, das in Richtung meines Gefängnisses führte. Mir war klar geworden, daß mir eine Flucht aus dem Walzenschiff nicht gelingen konnte. Jeden Augenblick mußte die Wirkung der Droge nachlas‐ sen. Dann würde ich entkräftet zusammenbrechen. Es war deshalb besser, wenn die Maahks gar nicht erst bemerkten, daß ich mich für einige Zeit unerlaubt aus meinem Gefängnis entfernt hatte. Dann würden sie auch nicht nachforschen, was ich während dieser Zeit in ihrem Schiff getrieben hatte. Vor dem Schott zum Doppelraum sprang ich vom Band, und als das Schott sich öffnete, rannte ich hindurch. Aber auf halbem Wege zum offe‐ nen Außenschott verließen mich meine Kräfte. Es war, als wäre ich ein Ballon, aus dem schlagartig das Gas entwich. Ich konnte mich nicht mehr halten und brach zusammen. Vor meinen Augen wogten rötliche Schleier, und hinter ihnen erkannte ich undeutlich die Schottöffnung. Unter Aufbietung meiner ganzen Willenskraft kroch ich auf die Öffnung zu. Eine halbe Ewigkeit schien zu vergehen, bis ich sie erreichte. Ich war so schwach, daß ich am liebsten aufgegeben und mich der Bewußtlosigkeit überlassen hätte, die mein Hirn zu vernebeln drohte. Doch mein Extrasinn half mir über die kritischen Phasen hinweg, indem er mich immer wieder anspornte. Woher mein zusätzlicher aktivierter Hirnteil die Energie nahm, die er dazu benötigte, war mir schleierhaft und auch gleichgültig. Endlich hatte ich die Öffnung erreicht. Am liebsten wäre ich hindurchge‐ krochen, doch das durfte ich nicht, denn das Außenschott schloß sich nicht automatisch und auch nicht mit Hilfe eines Kodeworts. Ich mußte, damit es sich hinter mir schloß, eine schmale Schaltleiste be‐
rühren, die sich etwa in Schulterhöhe befand. Da ich kaum noch etwas sah, tastete ich verzweifelt nach dem Rand der Öffnung, dann versuchte ich, mich hochzuziehen. Die ersten Versuche schlugen fehl. Ich kam kaum kniehoch, bevor ich kraftlos zurücksank. Ganz kurz dachte ich an das Gallertkügelchen, das irgendwo in meinem Schutzanzug lag. Aber ich verwarf den Gedanken, danach zu suchen, wie‐ der. Erstens hätte ich es höchstwahrscheinlich nicht gefunden, und zwei‐ tens fürchtete ich, mich damit so aufzuputschen, daß ich, sobald die Wir‐ kung nachließ, mit einem völligen Kreislaufzusammenbruch rechnen muß‐ te. Ich würde sterben, ohne zu erfahren, ob meine Aktion erfolgreich ver‐ laufen war, und das widerstrebte mir. Endlich gelang es mir, mich weit genug hochzuziehen. Ich tastete blind nach der Schaltleiste, bekam sie zu fassen, drückte darauf und ließ mich nach vorn in die Schleusenkammer fallen. Die zufahrenden Schotthälften streiften meinen rechten Fuß. Weiter, weiter! drängte mein Extrasinn. Du darfst jetzt nicht aufgeben! Gleich hast du es geschafft! Ich dachte eine Verwünschung – aussprechen konnte ich sie nicht; dazu war ich zu schwach – und kroch weiter. Glücklicherweise öffnete sich das Innenschott automatisch. Ich merkte es nur daran, daß ich kein Hindernis spürte. Meine Muskeln und Sehnen arbeiteten mechanisch weiter, während mein Geist fast völlig von Bewußtlosigkeit überschattet wurde. Ich hielt erst an, als ich gegen ein Hindernis stieß. Es mußte die Konturliege sein. Mit dem letzten Rest meiner Kräfte zog ich mich auf die Liege, dann wurde es endgültig dunkel um mich. * Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich mich außerordentlich schwach, a‐ ber auch zufrieden. Es war mir gelungen, die Maschinen des Maahkraumers zu präparieren und anschließend meine Spuren wieder zu verwischen. Außerdem lebte ich noch, so daß ich, wenn die Maahks zu starten versuchten, für einen kurzen und letzten Augenblick mitbekommen würde, daß mein Anschlag
geglückt war. Ich schlug die Augen auf. Mein Blick fiel gegen die Decke meines Ge‐ fängnisses. Dann bewegte ich meine Arme – und plötzlich verspürte ich eisigen Schrecken. Mein varganischer Schutzanzug war weg! Ich trug nur noch meine einfache Kombination. Also mußten die Maahks mich während meiner Bewußtlosigkeit entkleidet haben. Doch ich beruhigte mich schnell wieder. Schließlich konnten die Was‐ serstoffatmer ja nicht wissen, warum ich bewußtlos gewesen war. Sie hat‐ ten mich sicher nur entkleidet, um mich zu untersuchen. Ich setzte mich auf und blickte dabei auf die Bildschirme. Die Maahks waren noch immer dabei, Material aus dem Raumschiff des Sehers in ihren Walzenraumer zu transportieren. Aber das würde ihnen nichts nützen. Im Gegenteil. Je mehr sie von den technischen Einrichtungen des Varganen‐ schiffes herüberschleppten, desto weniger konnten die Maahks, die even‐ tuell die Explosion der Antriebsmaschinen und die Zerstörung ihres Schif‐ fes überlebten, mit dem in der Doppelpyramide verbliebenen Rest anfan‐ gen. Lächelnd schwang ich mich herum, um die Füße auf den Boden zu stel‐ len. Mitten in der Bewegung erstarrte ich – und mein Lächeln gefror zu einer Maske des Schreckens. Denn draußen, im anderen Teil des Doppelraums, stand Grek‐1, und ne‐ ben ihm lag mein varganischer Schutzanzug. Rein intuitiv erfaßte ich, was ich konkret überhaupt noch nicht erkennen konnte, daß nämlich die Maahks mein Spiel durchschaut hatten. Und die Worte des Maahks verrieten mir, daß ich mit meiner Intuition recht gehabt hatte. »Das war eine beachtliche Leistung, Arkonide«, sagte Grek‐1, und der Translator übersetzte seine Worte ins Interkosmo. »Wenn Sie ein Maahk wären, würde ich Sie zur Beförderung vorschlagen. Dennoch war Ihre Ak‐ tion von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ich wußte, daß Sie etwas unternehmen würden, und habe Sie ständig beobachtet.« Ich war wie betäubt. Aber ich ließ mich nicht überrumpeln. Es konnte durchaus sein, daß der Kommandant des Maahkraumers nur bluffte, um aus mir herauszulocken,
was ich wirklich getrieben hatte. Vielleicht wußte er lediglich, daß ich für einige Zeit mein Gefängnis verlassen hatte und mußte natürlich versuchen, den Rest aus mir herauszulocken. Doch so leicht wollte ich es ihm nicht machen. »Schade, daß mein Schutzanzug plötzlich undicht wurde«, erwiderte ich. »Dadurch wurde ich gezwungen, überstürzt in mein Gefängnis zurückzu‐ kehren. Sonst hätte ich Ihnen einen Besuch abgestattet und Sie getötet, Grek‐1.« Das Gesicht des Maahks verriet keine Regung. Nur die Augen funkelten. »Ich habe nicht geblufft, Arkonide«, entgegnete Grek‐1. »Ich hatte den Translator auch keineswegs versehentlich nicht ausgeschaltet. Sie sollten vorübergehend entkommen, denn ich wollte feststellen, was Sie unterneh‐ men würden und welcher Hilfsmittel Sie sich bedienten. Das ist mir gelun‐ gen. Glauben Sie nur nicht, daß Sie im Maschinensaal unbehelligt die Um‐ schaltungen hätten vornehmen können, wenn ich das Personal nicht vorher entsprechend unterrichtet hätte.« Ich hatte das Gefühl, als würde der Himmel einstürzen. Nachträglich sah ich ein, wie unwahrscheinlich alle die Zufälle gewesen waren, die es mir erst ermöglicht hatten, meine Sabotageaktion erfolgreich durchzuführen und wieder in mein Gefängnis zurückzukehren. Sie ließen sich tatsächlich nur damit erklären, daß mir Grek‐1 alle Hindernisse aus dem Weg geräumt hatte. »Ich hatte Sie unterschätzt«, erklärte ich matt, aber auch, respektvoll. »Entschuldigen Sie, bitte, daß ich Ihren Intelligenzquotienten zu gering einschätzte.« »Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Arkonide«, sagte der Maahk. »Wenn ich mich in Ihrer Lage befände, hätte ich auch die geringste Chance wahrgenommen, meine Feinde zu töten und damit die Auswertung der Beute zu verhindern. Immerhin nehmen Sie in Kauf, dabei ebenfalls umzu‐ kommen, und das war sehr logisch gedacht.« Ich zuckte mit den Schultern. »Sie haben recht«, erwiderte ich. »Ich würde es wieder versuchen, wenn ich auch nur die kleinste Möglichkeit sähe. Diesmal haben leider Sie ge‐ wonnen. Aber das Spiel ist erst zu Ende, wenn ich tot bin.« »Richtig«, sagte der Maahk. »Noch läuft das Spiel. Wie ich sagte, wollten wir unter anderem feststellen, welcher Hilfsmittel Sie sich bedienen wür‐
den, um Ihren Plan auszuführen.« Er hob einen Plastikwürfel hoch, und ich sah darin eingebettet das violet‐ te Gallertkügelchen, das mir abhanden gekommen war. »So sieht eines Ihrer Hilfsmittel aus, Arkonide«, erklärte er. »Wir haben festgestellt, daß sich in Ihrer Rückenmarksflüssigkeit noch Spuren der Sub‐ stanz befanden, aus der auch diese Kugel besteht. Es handelt sich um einen Wirkstoff, der die schlafende Energie eines Organismus weckt, sofern die‐ ser Organismus Sauerstoff atmet und auf Eiweiß basiert.« Ich ahnte, was noch kommen würde, und ich mußte mich anstrengen, um mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich die Feststellungen des Maahks erschreckten. »Wie Sie sich denken können«, fuhr Grek‐1 fort, »haben wir auch die an‐ deren Schutzanzüge untersucht, die sich an Bord des fremden Raumschiffs befanden. In einem von ihnen entdeckten wir ebenfalls eine Plastikschach‐ tel mit solchen Kugeln. Es ist nur logisch, anzunehmen, daß es sich bei dem Wirkstoff, den Sie gezielt benutzten, um das Produkt des Volkes handelte, dem das fremde Schiff gehörte. Und es ist außerdem logisch, anzunehmen, daß Sie mehr über dieses Volk und seine Zivilisation wissen, als Sie bisher zugegeben haben, denn sonst hätten Sie nicht gewußt, daß die betreffende Droge Ihre schlafende Energie mobilisiert.« Er hatte natürlich recht – und er konnte es beweisen. Dennoch entschloß ich mich dazu, weiterhin alles abzustreiten. »Ich gebe zu, daß Ihre Argumentation logisch ist«, erklärte ich. »Aber sie basiert auf einer angenommenen Voraussetzung, die nicht zutrifft. Tatsäch‐ lich wußte ich nicht, worum es sich bei diesen Kügelchen handelte. Ich hoffte nur, daß es ein Aufputschmittel war, und ich ging das Risiko, daß es sich um ein tödlich wirkendes Gift handelte, aus Verzweiflung ein.« »Verzweiflung ist keine logische Motivation«, hielt mir der Maahk ent‐ gegen. »Natürlich nicht«, erwiderte ich. »Es ist eine emotionale Regung, die von einem Maahk mangels Gefühl nicht praktisch nachvollzogen werden kann – und theoretisch nur sehr schwer.« »Sie irren sich, Arkonide«, entgegnete der Maahk. »Wir Maahks haben ein sehr starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Das ist auch der Grund, weshalb wir den Krieg gewinnen werden, denn dieses Gefühl ist bei Arko‐ niden nur sehr schwach ausgeprägt. Mir ist bekannt, daß es innerhalb der
höchsten Befehlsstellen des Großen Imperiums immer wieder zu Macht‐ kämpfen kommt, obwohl die Bedrohung von außen groß genug ist, um alle internen Streitigkeiten auszusetzen. Ihr Arkoniden seid nicht diszipliniert genug und deshalb eine Sackgasse der Evolution.« »Warum sagen Sie mir das, Grek‐1?« fragte ich. »Es könnte Ihnen doch nur recht sein, wenn unsere militärische Stärke durch interne Machtkämpfe geschwächt würde – was aber bestimmt nicht der Fall ist. Im Gegenteil. Solche Machtkämpfe sind nur die äußeren Zeichen unserer ausgeprägten Individualität, und das ist ein entscheidender Vorteil gegenüber einem Volk von gleichgeschalteten Individuen.« »Sie begreifen nicht, wie wir wirklich denken und wie wir uns verwirkli‐ chen, Arkonide«, sagte der Maahk. »Ich habe Ihnen das alles nur gesagt, damit Sie einsehen, daß Arkon diesen Krieg niemals gewinnen kann. So‐ bald wir das Material aus dem fremden Raumschiff ausgewertet und in großem Maßstab für unsere Zwecke dienstbar gemacht haben, werden wir das Große Imperium endgültig zerschlagen. Wenn ich Sie wäre, würde ich meinen Freunden raten, mit mir und mit möglichst vielen Raumschiffen voller qualifizierter Männer und Frauen in einen entlegenen Winkel der Galaxis zu fliehen, wo sie die nächsten Jahrtausende sicher wären.« Ich horchte auf. Bestimmt sagte Grek‐1 so etwas nicht nur so daher. Er verfolgte einen lo‐ gisch fundierten Zweck mit seinen Reden, sonst hätte er nicht seine knappe Zeit dafür geopfert. »Dazu werde ich wohl keine Gelegenheit haben, da ich ja doch erschos‐ sen werde, sobald Sie mich nicht mehr brauchen«, entgegnete ich. »Sie werden nicht getötet werden, Arkonide«, entgegnete Grek‐1. »Wir beabsichtigen, Sie gegen einen wichtigen Grek auszutauschen, der sich in arkonidischer Gefangenschaft befindet. Da Sie ein Adliger sind, wird das Oberkommando Ihrer Raumflotte bestimmt auf unser entsprechendes An‐ gebot eingehen. Bitte, ruhen Sie sich aus. Wir werden bald starten.« Er verließ den Raum, und ich blickte ihm grübelnd nach. Es gefiel mir ganz und gar nicht, daß die Maahks mich gegen einen der ihren austauschen wollten. In maahkscher Gefangenschaft gab es immerhin eine geringe Wahrscheinlichkeit, daß ich überleben würde. Wenn ich mich aber in der Gewalt des Flottenkommandos befand, würde ich sehr schnell als Atlan identifiziert werden – und Orbanaschol würde dafür sorgen, daß
ich ihm nie mehr Schwierigkeiten bereitete. Ich konnte es drehen und wenden, wie ich wollte: Meine Zukunftsaus‐ sichten waren so schlecht wie die eines Todeskandidaten.
6. Auf den Bildschirmen konnte ich beobachten, wie die Maahks weiter Ma‐ terial aus dem Varganenschiff holten. Erbittert starrte ich auf ein Geschehen, das ich nicht verhindern konnte. Mir war inzwischen vieles klar geworden, was ich vor dem letzten Ge‐ spräch mit dem Kommandanten des Maahkschiffes noch nicht verstanden hatte. Die Maahks ließen mich deshalb bei der Bergung des varganischen tech‐ nischen Geräts zuschauen, weil sie wollten, daß ich nach meinem Aus‐ tausch mit ihrem wichtigen Grek darüber berichtete. Sie versprachen sich davon Erschrecken und Resignation beim Flotten‐ kommando des Großen Imperiums, und daraus resultierend eine Erlah‐ mung unseres Widerstandswillens. Außerdem hofften sie wohl, daß ich die Anregung von Grek‐1 aufnahm und aufgrund meiner angenommenen hohen Stellung in der Lage sein würde, einen erheblichen Teil der arkonidischen Flotte dazu zu mißbrau‐ chen, mit einem ausgewählten Teil meines Volkes in einen entlegenen Winkel der Galaxis zu fliehen. Dadurch würde nicht nur die Kampfkraft der arkonidischen Flotte ent‐ scheidend geschwächt werden, sondern es würde auch die Elite der arko‐ nidischen Soldaten, Offiziere, Techniker und Wissenschaftler aus der Ver‐ fügungsgewalt der Kriegsmaschinerie des Großen Imperiums abgezogen werden, da die Maahks annahmen, daß ich nur die besten Kräfte mitneh‐ men würde. Die unmittelbar Folge davon wäre der baldige Zusammenbruch der ar‐ konidischen Verteidigung, so daß die Flotten der Maahks bis zu den Ar‐ konwelten vorstoßen und sie vernichten konnten. Was Grek‐1 nicht wissen konnte, war, daß ich niemals in der Lage sein würde, mit einem Teil der Arkon‐Flotte zu desertieren, was ich selbstver‐ ständlich auch dann nicht getan hätte, wenn es mir möglich gewesen wäre. Wahrscheinlich würde das Oberkommando der Arkon‐Flotte auch nichts darüber erfahren, daß die Maahks sich in den Besitz eines Teils des varga‐ nischen Erbes gesetzt hatten. Orbanaschols Schergen würden mich sofort nach dem Austausch verhaften und sicherlich noch am gleichen Tag er‐ morden.
Der psychologisch an sich raffinierte Plan des Maahks konnte also gar nicht aufgehen. Allerdings würde ich ihm das nicht verraten. Sollte er ruhig glauben, mich psychologisch zermürbt zu haben. Ich konnte den Trost mit in den Tod nehmen, daß die Raumflotten der Maahks, wenn sie in der Hoffnung angriffen, einen stark geschwächten Gegner vor sich zu haben, zurückge‐ schlagen werden würden. So schnell konnten sie nämlich das varganische Erbe nicht verwerten. Das würde Jahre dauern, und vielleicht gelang es Fartuloon und seinen Getreuen unterdessen, Orbanaschol zu stürzen und die wirtschaftlichen und militärischen Maßnahmen straffer und konsequenter zu organisieren. Vielleicht half Ischtar ihm dabei, indem sie dem Großen Imperium die Technik ihres Volkes zur Verfügung stellte. Nein, ich brauchte nicht verzweifelt zu sein. Dennoch ärgerte es mich sehr, daß Orbanaschol, der Mörder meines Vaters, die Genugtuung be‐ kommen sollte, auch den Sohn und rechtmäßigen Erben des Imperator‐ Throns zu ermorden. Mein Grübeln wurde unterbrochen, als erneut zwei Maahks erschienen und mir etwas zu essen brachten. Ich stürzte mich heißhungrig auf die Mahlzeit, denn die Wirkung der Droge hatte an den Energiereserven mei‐ nes Körpers verheerend gezehrt. Nach dem Essen fühlte ich mich nicht nur kräftiger, sondern auch see‐ lisch wieder wohler. Ich streckte mich auf der Konturliege aus und ver‐ suchte ein wenig zu schlafen. Die Lage wirkte zwar aussichtslos für mich, aber ich hatte schon zu oft in Situationen gesteckt, die absolut aussichtslos erschienen, und hatte sie schließlich doch irgendwie gemeistert. Deshalb wußte ich, daß es ein Fehler gewesen wäre, die Hoffnung aufzugeben. Ich mußte abwarten, und, wenn sich eine Gelegenheit zum Handeln ergab, konsequent zupacken. Mit diesen Gedanken schlief ich tatsächlich ein. Ich erwachte vom Rumoren schwerer Aggregate und einem stetigen Vib‐ rieren. Als ich mir die Bildschirme ansah, erkannte ich, daß sich weder Maahks noch Bergungsgeräte draußen befanden. Der gehobene Teil des Varganen‐ schiff es lag verlassen da. Demnach bereiteten die Maahks den Start ihres Schiffes vor.
Ich machte mir keine Illusionen darüber, daß meine Sabotage wirken könnte. Da die Maahks genau wußten, an welchen Maschinen ich Um‐ schaltungen vorgenommen hatte, würden sie den Fehler behoben haben, kaum daß ich den Maschinensaal wieder verlassen hatte. Das Rumoren nahm an Lautstärke zu, und die Schiffszelle erbebte unter den Erschütterungen, die sich durch den ganzen Walzenraumer fortpflanz‐ ten. Ich fragte mich, wohin die Maahks von hier aus fliegen würden. Es war kaum anzunehmen, daß sie mich schon in den nächsten Tagen zu einem Planeten brachten, auf dem der Austausch zwischen mir und dem gefan‐ genen Grek stattfinden sollte. Darüber mußte erst zwischen den beiden Oberkommandos verhandelt werden, und das dauerte erfahrungsgemäß Wochen oder gar Monate. Sehnsüchtig blickte ich zu dem Schutzanzug, der immer noch in der an‐ deren Hälfte des Raumes lag. Ich mußte versuchen, ihn irgendwann wieder in die Hände zu bekommen, denn ohne ihn konnte ich mich nicht aus mei‐ nem Gefängnis herauswagen. Ohne Hoffnung, damit Erfolg zu haben, sprach ich das Kodewort »Sechseck‐Sternkonstellation« aus. Aber nicht einmal der Translator rea‐ gierte darauf, geschweige denn die Verriegelung des Außenschotts. Im‐ merhin hatte ich es versuchen müssen. Endlich wurde das Rumoren leiser und gleichmäßiger. Die Erschütte‐ rungen klangen ab. Auf den Bildschirmen wurde die Umgebung durch ein unerträglich grel‐ les Leuchten und Wabern ausgelöscht, als das Walzenschiff mit voll akti‐ vierten Impulstriebwerken startete. Kurz danach schwächte sich das Leuchten so stark ab, daß ich das Tal mit dem Varganenschiff zirka zweitausend Meter unter uns erkannte. Das Maahkraumschiff schien stillzustehen. Plötzlich zuckten grelle Strahlbahnen ins Tal hinab, trafen das Varganen‐ schiff und ließen es an mehreren Stellen aufglühen. Nach fünf schweren Energiesalven brodelte dort, wo zuvor das Schiff ge‐ legen hatte, blauweiß strahlendes Magma in einem länglichen Krater. Es erschien mir logisch, daß die Maahks das fremde Raumschiff vernich‐ teten, nachdem sie es ausgeplündert hatten. Sie mußten verhindern, daß Arkoniden das Schiff fanden und die darin verbliebenen technischen Anla‐
gen untersuchten. Allerdings hatte es keinen logischen Grund gegeben, die Vernichtung so spektakulär zu gestalten. Normalerweise wäre eine Bombe installiert und später über Funk gezündet worden. Ich konnte mir das von der Norm abweichende Verhalten der Was‐ serstoffatmer nur so erklären, daß sie mir ihre Kampfkraft demonstrieren wollten. Aber auch das erschien mir nicht ganz logisch, denn eigentlich hätte ein hochgestellter Offizier der Arkon‐Flotte die Kampfkraft aller maahkscher Raumschiffstypen genau kennen müssen. Da man mich aber für einen hochgestellten Offizier der Arkon‐Flotte hielt, wäre es überflüssig gewesen, mir die eigene Kampfkraft zu beweisen. Ich schob diese Gedanken beiseite, als das Walzenschiff erneut beschleu‐ nigte, wie ich an den Arbeitsgeräuschen und an den kleiner werdenden Details der Landschaft unter mir erkannte. Es schien, als wollten die Maahks diesen Planeten schon verlassen. Doch der Schein trog. Ich merkte es, als das Walzenschiff bei einer geschätzten Höhe von drei‐ hundert Kilometern in einen Orbit ging. Was das bedeutete, war mir sofort klar: Die Maahks suchten nach der angeblichen arkonidischen Station, aus der ich ihrer Meinung nach ge‐ kommen sein mußte. * Nachdem das Schiff den Planeten sechzehnmal umkreist hatte, ohne das Gebäude des Sehers zu finden, wurde mir klar, daß Vrentizianex über eine Möglichkeit verfügen mußte, seinen Palast gegen Ortung aus dem Raum zu tarnen. Das hätte dir von Anfang an klar sein müssen! teilte mir der Logiksektor meines Extrahirns mit. Wenn Vrentizianex sein Gebäude nicht getarnt hätte, wäre es von den Maahks gefunden worden, bevor sie das unter Eis‐ und Geröll‐ massen liegende Varganenschiff entdeckten. Das leuchtete mir ein. Ein nicht getarnter Palast wäre auf Anhieb geortet worden, nicht aber ein
verborgenes und energetisch totes Raumschiff. In diesem Fall aber hätten die Maahks zuerst die Station beziehungsweise den vermeintlichen arko‐ nidischen Stützpunkt angegriffen. Nach der dreiundzwanzigsten Umkreisung schienen die Maahks einzu‐ sehen, daß sie so den Stützpunkt nicht finden würden. Aber sie gaben nicht auf. So etwas lag nicht in der Natur dieser Lebewesen. Ich bemerkte, daß das Walzenschiff tiefer ging, indem es abbremste und sich von der Schwerkraft des Planeten herabziehen ließ. Zwar konnte ich auf den Bildschirmen in meinem Gefängnis nicht erkennen, ob der Kom‐ mandant die Schutzschirme aktiviert hatte. Ich nahm es jedoch als sicher an, denn wenn er mit dem Schiff tiefer ging, erhöhte sich die Gefahr, von planetarischen Abwehrbatterien beschossen und getroffen zu werden. Soviel ich wußte, verfügte der Kyriliane‐Seher allerdings über keine Raumabwehr. Doch ganz ausschließen durfte ich das nicht. Es konnte sein, daß es Teile des Palastes gab, die ich niemals entdeckt hatte. Von der Tarnmöglichkeit hatte ich schließlich auch nichts gewußt. Doch wir wurden nicht beschossen. Als wir nur noch etwa fünfzig Kilometer hoch waren, erkannte ich, daß das Walzenschiff sich wieder dem Gebirge näherte, in dem die Maahks das Varganenschiff entdeckt hatten. An der Stelle von Grek‐1 hatte ich genauso gehandelt, denn da ich zu Fuß gewesen war, konnte mein vermeintlicher Stützpunkt nicht weiter als ei‐ nen Tagesmarsch vom Fundort des Varganenschiff es entfernt sein. Wir waren noch ungefähr zwanzig Kilometer hoch, da erkannte ich an mehreren aufblinkenden Lichtreflexen, daß die Maahks Flugsonden abge‐ schossen hatten. Flugsonden waren ferngesteuerte kleine Diskuskörper, die mit ihren Im‐ pulstastern und Weitwinkelobjektiven eine genaue Untersuchung begrenz‐ ter Geländeabschnitte ermöglichten. Sie konnten im Konturenflug über das Gelände gesteuert werden, was praktisch die einzige Möglichkeit war, Objekte aufzuspüren, die unter einem Tarnfeld lagen. Das erforderte allerdings große Ausdauer, denn ein getarntes Objekt konnte nur aufgespürt werden, wenn eine Flugsonde beim Konturenflug unter das Tarnfeld geriet. Doch die Maahks waren bekanntlich sehr zäh und ausdauernd. Ich nahm an, Grek‐1 wäre notfalls einige Tage über dem verdächtigen Oberflächen‐
abschnitt geblieben. Aber so lange dauerte es nicht. Offenbar hatte eine Flugsonde ein Tarnfeld durchflogen und die Auf‐ nahmen vom Palast des Sehers an Bord des Walzenschiffes übermittelt, denn das Maahkschiff stoppte plötzlich. Kurz darauf dröhnte es laut. Eine Breitseite aus den schweren Energiegeschützen schoß auf etwas zu, das auf meinen Bildschirmen ein Berggipfel war. Dann füllten die Entla‐ dungen meine Bildschirme mit grellem Leuchten. Als das Leuchten verschwand, entdeckte ich auf einem der Bildschirme das Gebäude des Sehers, und ich entdeckte die Verwüstungen, die die erste Breitseite angerichtet hatte. In mir krampfte sich alles zusammen. Ich mußte an die vielen hellhäuti‐ gen Sklaven des Sehers denken, die sich in dem riesigen Palast aufhielten. Sie würden alle umkommen, wenn die Maahks ihren Beschuß fortsetzten. Und ich hatte keine Möglichkeit, das zu verhindern. Ich konnte nicht einmal Verbindung mit Grek‐1 aufnehmen und ihn darum bitten, das Le‐ ben der Sklaven zu schonen. Er hätte außerdem nicht auf mich gehört. Das Walzenschiff schoß Breitseite auf Breitseite ab. Jede riß eine neue Bresche in den Palast, und bald war das gesamte riesige Bauwerk in ein glühendes Trümmermeer verwandelt. Endlich stellten die Maahks das Feuer ein. Auf den Bildschirmen sah ich, wie das Walzenschiff in einem Tal unter‐ halb des zerstörten Palasts landete. Kleine Trupps von schwerbewaffneten Maahks schleusten sich aus und tauchten im Gelände unter. Ich fragte mich, ob der Kyriliane‐Seher noch lebte. Die Maahks konnten längst nicht alle Teile seines Palastes zerstört haben. Es gab tief unter der Oberfläche Regionen, die auch durch massiven Beschuß nicht zu erreichen waren. Wenn Vrentizianex sich dorthin zurückgezogen hatte, lebte er noch. Aber die meisten seiner Sklaven mußten bei dem Bombardement den Tod gefunden haben. Es war wie bei jeder bewaffneten Auseinanderset‐ zung mit modernen Kampfmitteln: Am schlimmsten wurden immer die Unbeteiligten betroffen. Als sich das Schott auf der anderen Seite der Trennwand öffnete, blickte ich hoch. Grek‐1 betrat den Raum, begleitet von zwei schwerbewaffneten maahk‐
schen Raumlandesoldaten. Der Kommandant schaltete den Translator ein und sagte: »Wie Sie sehen konnten, haben wir Ihren Stützpunkt trotz des Tarnfelds entdeckt und zerstört, Arkonide. Es interessiert mich, wie das Tarnfeld erzeugt wurde.« »Mich auch«, gab ich zurück. »Sie hätten den Stützpunkt nicht zu zerstö‐ ren brauchen, Maahk. Die Besatzung hätte sich wahrscheinlich kampflos ergeben.« »Ich brauche weder den Stützpunkt noch seine Besatzung«, entgegnete Grek‐1. »Aber unsere Hohlraumtaster haben unter den Trümmern ausge‐ dehnte Hohlräume festgestellt. Ich werde mir diese Anlagen persönlich ansehen – und Sie werden mich begleiten, Arkonide.« »Ich bin nicht daran interessiert«, erwiderte ich, zornig über die sinnlose Tötung der unschuldigen Sklaven. »Es ist sinnlos, sich zu sträuben, Arkonide«, sagte der Maahk. »Entweder kommen Sie freiwillig mit, dann erhalten Sie Ihren Schutzanzug zurück – oder meine Leute bringen Sie gewaltsam nach draußen und nehmen Ihnen außerhalb meines Schiffes den Schutzanzug wieder ab.« Ich erhob mich langsam und erwiderte ironisch: »Ihre Argumente sind von so zwingender Logik, daß ich nicht länger wi‐ derstehen kann. Reichen Sie mir den Anzug herein, und vergessen Sie nicht, mir meine Energiewaffen zurückzugeben.« »Die letzte Forderung ist unerfüllbar«, entgegnete Grek‐1. Beinahe hätte ich laut gelacht, obwohl mir gar nicht danach zumute war. Es war typisch für einen Maahk, daß er nicht in der Lage war, zwischen etwas Ernstgemeintem und einem Scherz zu unterscheiden. »Schon gut«, sagte ich. Einer der Raumsoldaten öffnete das Außenschott der Durchgangsschleu‐ se, warf meinen Schutzanzug hinein und verschloß es wieder. Ich wartete, bis in der Schleusenkammer eine für mich atembare Atmo‐ sphäre herrschte, dann holte ich mir den Schutzanzug und streifte ihn mir über. Vorläufig war mir noch völlig unklar, aus welchem Grund der Komman‐ dant des Maahkschiffs mich dabeihaben wollte, wenn er die tieferen Regi‐ onen des Stützpunktes untersuchte. Falls er dachte, mich als Geisel vorzei‐ gen zu wollen, um »meine Untergebenen« zur Kapitulation zu zwingen,
würde er eine Überraschung erleben. Wenn Vrentizianex noch lebte, würde er ganz bestimmt keine Rücksicht auf mein Leben nehmen. Doch vielleicht ergab sich im Palast eine Möglichkeit zur Flucht. Ich würde sie auf jeden Fall nutzen. * Als wir ins Freie traten, war es dunkel geworden. Starke Scheinwerfer erhellten die Umgebung des Walzenschiffs, und zahlreiche Scheinwerfer‐ paare krochen die Berghänge hinauf. Wahrscheinlich handelte es sich um die Scheinwerfer schwerer Gleiskettenfahrzeuge, mit denen die Maahks den Unterschlupf des Sehers umzingelten. Ein Gleiskettenfahrzeug hielt neben uns. Es war fast doppelt so groß wie arkonidische Flugpanzer, und aus seiner drehbaren Turmkuppel ragten eine schwere Impulskanone und ein schweres Desintegratorgeschütz. Grek‐1 schaltete den kleinen Translator ein, der ihm an einem Riemen vor der mächtigen Brust hing und durch ein Kabel mit dem Helmfunkgerät des Maahks verbunden war. »Aufsteigen!« schallte es aus dem Lautsprechersystem des Geräts. Ich gehorchte, kletterte auf das Heck des Fahrzeugs und packte mit bei‐ den Händen einen der stählernen Haltegriffe, die am Aufbau unter dem Turm befestigt waren. Grek‐1 und die beiden maahkschen Raumlandesoldaten folgten mir. Ich sah, daß die beiden Soldaten mich im Auge behielten. Doch keiner richtete eine Waffe auf mich. Die Maahks wußten genau, daß sie mit einem unbe‐ waffneten Arkoniden jederzeit spielend fertig werden würden. Sie waren nicht nur viel kräftiger als ich, sondern auch viel schneller, so daß ich ihnen nicht fortlaufen konnte. Das Gleiskettenfahrzeug ruckte so hart an, daß ich beinahe den Halt ver‐ loren hätte und in den Schnee geschleudert worden wäre. Ich stieß eine Verwünschung aus und klammerte mich fester an. In schneller Fahrt ging es den nächsten Hang hinauf. Hinter den zwei Meter breiten Gleisketten wirbelten Eis und Schnee hoch. Das Fahrzeug schaukelte heftig. Ich schwankte hin und her, aber Grek‐1 und die beiden Soldaten standen reglos auf dem Heck des Panzers und hielten sich lässig
nur mit je einer Hand fest. Oben schwenkte das Fahrzeug scharf nach rechts ab, wühlte sich eine Geröllhalde hinauf und hielt stark wippend zwischen zwei anderen Pan‐ zern, deren Kanonenrohre auf einen glühenden Trümmerhaufen gerichtet waren. Ich sah, daß es sich um die Überreste eines Seitenflügels des Gebäudes von Vrentizianex handelte. Mitten in den glühenden Trümmern klaffte ein torgroßes Loch. Die davonwehenden Schleier grünlichen Gases verrieten mir, daß die beiden anderen Panzer das Loch in den Trümmern mit Hilfe ihrer Desintegratorgeschütze geschaffen hatten. Eine Weile geschah nichts. Grek‐1 hatte seinen Translator ausgeschaltet und unterhielt sich offenbar über Helmfunk mit den Besatzungen der drei Panzer. Nach einiger Zeit schaltete er den Translator wieder ein und sagte zu mir: »Hinter der Öffnung liegt einer der angemessenen Hohlräume. Falls dort Abwehreinrichtungen sein sollten, so sagen Sie es uns, Arkonide, denn wir werden zuerst hineinfahren.« »Dort gibt es keine Abwehreinrichtungen«, sagte ich, nachdem ich die Außenlautsprecher meines Schutzanzugs eingeschaltet hatte, so daß der Translator meine Worte aufnehmen konnte. Allerdings wußte ich nicht, ob es stimmte, was ich gesagt hatte. Wenn es nicht stimmte, würde ich eventuell mit den Maahks sterben. Das mußte ich jedoch riskieren, denn es bestand eine kleine Chance, im Durcheinander eines Gefechts zu entkommen. »Sie müssen es ja wissen«, gab der Maahk zurück. Er schaltete den Translator wieder aus. Wahrscheinlich sollte ich nicht mithören, welche Befehle er über Helmfunk durchgab. Unser Panzer rollte wieder an. Die Lichtkegel seiner beiden starken Bug‐ scheinwerfer stachen in die Finsternis der Höhlung und hellten sie auf. Vorerst enthüllten sie jedoch nichts Besonderes. Als wir in die Höhlung einfuhren, blickte ich zurück und sah, daß die beiden anderen Panzer uns folgten. Ich nahm an, daß die Maahks an meh‐ reren Stellen ähnliche Einbruchsöffnungen geschaffen hatten und gleichzei‐ tig mit uns dort eindrangen, um eine eventuelle Restbesatzung des ver‐ meintlichen Stützpunkts niederzukämpfen.
Der von den Desintegratorgeschützen durch Trümmer und Felsen ge‐ schaffene Stollen war etwa fünfzig Meter lang. An seinem Ende lag eine stählerne Wand, die von den Desintegratoren nur oberflächlich aufgelöst worden war. Das Material mußte demnach aus molekularverdichtetem Metallplastik bestehen. Ich hatte nichts davon gewußt, daß es im Palast des Sehers mole‐ kularverdichtete Wände gab. Die Panzer hielten an, dann feuerte unser Fahrzeug mit seinem Desin‐ tegratorgeschütz auf die stählerne Wand. Der grünlich flirrende Energie‐ strahl, der die molekulare Bindungsenergie jeder Materie neutralisierte, hätte eine normale Metallplastikwand innerhalb kurzer Zeit völlig aufge‐ löst. Bei dieser Wand kam der Prozeß erst nach einigen Minuten in Gang und verlief so langsam, daß ich sehr genau hinsehen mußte, um die hauchdünnen molekularen Gase überhaupt zu bemerken, die von der Wand aufstiegen. Aber die Maahks waren ausdauernd und zäh. Was sie sich einmal vorge‐ nommen hatten, das führten sie auch durch. Ununterbrochen schoß der desintegrierende Strahl gegen die Wandung und löste eine hauchdünne Schicht nach der anderen auf. Die beiden übrigen Panzer konnten sich an dem Beschuß nicht beteiligen, da der Stollen nicht breit genug war. Sie warteten mit laufenden Antriebs‐ aggregaten. Nach rund zwei Stunden brach der Desintegratorstrahl durch die letzte Stahlplastikschicht der Wandung. Er vollführte einige kreisförmige Bewe‐ gungen, um auch die Ränder aufzulösen und die Öffnung groß genug zu machen, dann erlosch er. Unser Panzer ruckte an, rollte durch die Öffnung‐ und befand sich plötz‐ lich in einer riesigen Halle, deren Wände und Decke mit Millionen großer Kristalle besetzt waren, die im Licht der Scheinwerfer irisierend funkelten und glitzerten. Unser Fahrzeug rollte bis in die Mitte der Halle, dann blieb es stehen. Die beiden anderen Panzer folgten und hielten neben uns an. Dann geschah etwas Seltsames. Alle Maahks verließen ihre Fahrzeuge. Auch Grek‐1 und die beiden Sol‐ daten stiegen ab. Dann gingen die Wasserstoffatmer langsam und wie in Trance zu den Wänden der Halle, streckten ihre Arme aus und berührten
mit den behandschuhten Händen die Kristalle. Danach blieben sie reglos stehen. Ich wußte nicht, was ich davon halten sollte. Die Maahks verhielten sich so, als wären sie einer Art hypnotischem Einfluß erlegen. Aber ich spürte absolut nichts. War es möglich, daß der unbekannte Einfluß, der vielleicht von den Kris‐ tallen ausging, nur die Gehirne Wasserstoff atmender Lebewesen angriff, nicht jedoch die Gehirne von Sauerstoffatmern? Das spielt keine wesentliche Rolle! teilte mir der Logiksektor meines Extra‐ hirns mit. Wichtig ist nur, daß du damit eine Gelegenheit zur Flucht erhalten hast, wie sie so bald nicht wiederkehren wird. Nutze sie! Ich holte tief Luft. Und ob ich diese Gelegenheit nutzen würde! Ich kletterte zum offenen Einstieg des Panzers, setzte mich in den riesi‐ gen Sessel des Piloten und musterte die Schaltungen, mit denen das unge‐ füge Fahrzeug gesteuert werden konnte. Danach schloß ich das Luk, schaltete den Antrieb ein und steuerte den Panzer auf das andere Ende der Halle zu. 7. Die Maahks standen immer noch reglos an den Kristallwänden, als ich das andere Ende der Halle erreicht hatte. Es sah unheimlich aus, und ich fragte mich, was in diesen Wesen wohl vorgehen mochte. Gaukelten ihnen die Kristalle vielleicht eine imaginäre Aktivität in einer imaginären Umgebung vor? Steuerte der Kyriliane‐Seher die Kristalle und damit indirekt auch die Maahks vielleicht mit Hilfe seiner Augenkristalle? Konnte er mich vielleicht über die Kristalle in der Halle sehen? Und wie würde er darauf reagieren, daß ich tiefer in sein geheimes Reich eindrang? Vorerst jedoch sah es nicht so aus, als ob ich in Schwierigkeiten geraten würde. Am anderen Ende der Halle befand sich ein Tor, und es stand of‐ fen. Ich ließ den Panzer langsam durch die Öffnung rollen und beobachtete auf dem Sichtschirm die Lichtkegel der beiden Scheinwerfer, die in die
Dunkelheit stachen. Als sie mehrere seltsame Gestalten erfaßten, hielt ich das Fahrzeug an. Doch die Gestalten bewegten sich nicht. Sie standen still wie Statuen, und sie waren offenbar tatsächlich Statuen, die unbekannte Wesen von ebenso unbekannten Planeten darstellten. Ich ließ die Lichtkegel kreisen und entdeckte noch mehr dieser seltsamen Statuen. Einige sahen überhaupt nicht wie die Nachbildungen von Lebe‐ wesen aus, sondern eher wie die Gebilde einer ins Extrem gesteigerten abstrakten Kunst. Bei ihnen versagte die Fähigkeit, sie zu beschreiben, weil an ihnen nichts Vergleichbares war. Nach einiger Zeit fuhr ich wieder an. Ich steuerte zwischen den Statuen hindurch. Doch diese Gebilde standen immer dichter, je weiter ich in die zweite Halle hineinfuhr. Bald steckte ich fest. Ich überlegte, ob ich zurückfahren sollte. Aber wohin konnte ich mich draußen schon wenden? Der Panzer würde von den Ortungstastern des Walzenschiffs sofort erfaßt werden, und auch zu Fuß konnte ich nicht weit kommen. Inzwischen mußte man auf dem Maahkschiff wegen der abgebrochenen Funkverbindung mit Grek‐1 und den anderen Soldaten Verdacht geschöpft haben. Wahrscheinlich schwärmten draußen weitere Soldaten aus. Die Möglichkeiten, ihnen zu entgehen, waren verschwindend klein. Natürlich hätte ich die im Wege stehenden Statuen einfach mit dem De‐ sintegratorgeschütz des Panzers auflösen können. Da ich jedoch nicht wuß‐ te, welche Reaktionen ich dadurch auslösen würde, verzichtete ich lieber darauf. Die Möglichkeiten des Kyriliane‐Sehers, seinen Schlupfwinkel zu vertei‐ digen, schienen vielfältig zu sein. Wenn ich ihn erzürnte, war ich verloren. Wenn es mir dagegen gelang, ihn als Verbündeten zu gewinnen, fand ich vielleicht doch noch eine Möglichkeit, das Maahkraumschiff zu vernichten. Ich entschloß mich, den Panzer zu verlassen und zu Fuß weiterzugehen. Als ich den Panzer verlassen hatte, wirkten die unheimlichen Statuen noch viel größer auf mich als vorher. Gab es tatsächlich irgendwo in unse‐ rer Galaxis Planeten, auf denen solche Lebewesen existierten, wie sie von den Statuen dargestellt wurden? Und wenn, warum waren wir Arkoniden bisher nicht einmal auf eine einzige dieser Arten gestoßen? Konzentriere dich darauf, zu überleben! mahnte mein Extrasinn. Alles andere
hat Zeit bis später! Ich glaubte zwar nicht daran, daß ich später einmal Zeit finden würde, mich mit dem Rätsel der Statuen zu befassen, doch ich sah ein, daß ich mich nicht selbst mit gegenwartsfernen Gedankengängen ablenken durfte, wenn ich den Maahks entkommen und überleben wollte. Und das war nicht einmal alles. Ich mußte außerdem nach einer Mög‐ lichkeit suchen, die Maahks am Start von diesem Planeten zu hindern und möglichst ihr Raumschiff zu zerstören. So schnell wie möglich bewegte ich mich vorwärts, zwischen den Statuen hindurch, deren Anblick mir beinahe unerträglich wurde. Gerade wollte ich meine Handlampe, die in einer Magnethalterung auf dem Brustteil meines Schutzanzugs befestigt war, einschalten, da ich den Lichtkreis der Panzerscheinwerfer verließ, als ich den Eindruck hatte, daß sich eine der Statuen bewegte. Ich blieb stehen und wagte kaum zu atmen. Erst jetzt wurde mir bewußt, daß ich noch immer unbewaffnet war. Ich hätte mir vielleicht eine der maahkschen Handwaffen aneignen sollen, auch wenn sie eigentlich viel zu schwer für einen Arkoniden waren. Aber dieser Einfall kam zu spät. Im Panzer hatte ich keine Handwaffen entdeckt, sonst hätte ich sicher eine an mich genommen. Einen Augenblick später erkannte ich, daß sich tatsächlich eine der Statu‐ en bewegte. Es war ein Gebilde von der doppelten Größe eines Maahks und besaß weder einen Kopf noch Arme und Beine. Eigentlich war über‐ haupt nichts zu sehen, was an Extremitäten erinnerte. Dennoch bewegte sich das Gebilde vorwärts – und zwar in meine Richtung. Ich überlegte, was ich tun sollte. Sollte ich in den Panzer zurückkehren? Dort war ich bestimmt sicher vor dieser zum Leben erwachten Statue. Doch dann wäre ich dazu verurteilt, in dem Fahrzeug zu bleiben. Passivität aber löste keines meiner Probleme. Ich beschloß, dem Wesen auszuweichen. Rasch eilte ich zwischen anderen Statuen hindurch nach rechts, da der Alptraum von links kam. Danach schlug ich wieder die Richtung zur gege‐ nüberliegenden Seite der Halle mit den Statuen ein. Es nützte mir nichts. Rechts vorn bewegte sich ebenfalls etwas, und als ich meine Handlampe einschaltete und den Lichtkegel dorthin richtete, entdeckte ich eine weitere
zum Leben erwachte Statue. Und sie bewegte sich ebenfalls in meine Richtung. Es war nicht nur unheimlich, es war grauenhaft. Die beiden Wesen be‐ wegten sich völlig lautlos auf mich zu. Aber wie konnten Statuen zum Leben erwachen? Statuen können nicht zum Leben erwachen! erklärte der Logiksektor meines Extrahirns. Folglich muß es sich um energetisch konservierte Lebewesen handeln – oder um Lebewesen, die mit Hilfe individuell abgestimmter Projektoren in eine Zeitstarre versetzt wurden. Das leuchtete mir ein. Aber egal, wie diese Lebewesen in Statuen ver‐ wandelt worden waren, sie konnten nicht von selbst zu neuem Leben er‐ wacht sein. Wenn es jemanden gab, der sie erweckt hatte, dann nur Vrentizianex, der varganische Seher. Und er mußte sie mit der Absicht wiedererweckt haben, mich zu töten! Ich klappte den Druckhelm meines Schutzanzugs zurück, holte tief Luft und rief: »Vrentizianex! Hier spricht Atlan! Du begehst einen schweren Fehler, wenn du mich bekämpfst. Wir sollten uns verbünden, denn draußen ist ein gemeinsamer Feind, der uns beiden zum Verhängnis werden kann. Halte deine Kreaturen zurück und nimm Kontakt mit mir auf!« Aber der Kyriliane‐Seher antwortete nicht. Er ging auch nicht auf mein Angebot ein, wie ich an den beiden Wesen bemerkte, die sich weiterhin auf mich zubewegten. Ich hatte keine andere Wahl mehr, als mich in den maahkschen Panzer zurückzuziehen. Wenn ich den beiden Kreaturen entkam, aktivierte der Seher bestimmt andere Statuen. Ich wandte mich um und rannte zu dem Panzer zurück. Es wunderte mich, daß Vrentizianex nicht noch andere Statuen zum Le‐ ben erweckte, denn er mußte doch bemerken, daß die beiden mich nicht aufzuhalten vermochten: Sie bewegten sich zu langsam für mich. Aber warum auch immer, er schickte keine weiteren Statuen in den Kampf. Ungehindert erreichte ich den Panzer, kletterte durch das offene Luk und verriegelte es. Dann setzte ich mich in den Sessel vor der Steuerung, schal‐ tete den Antrieb an und aktivierte die Bildschirme der Rundum‐
Beobachtung. Die beiden unheimlichen Lebewesen hatten ihre Bewegungsrichtung ge‐ ändert und kamen nunmehr genau auf den Panzer zu. Ich wußte, daß ich mich bald entscheiden mußte, und obwohl ich wußte, wie meine Entscheidung auszusehen hatte, zögerte ich dennoch, denn sie barg neue Gefahren, die ich noch nicht ermessen konnte. Aber ich hatte keine Wahl. Der Panzer ruckte an, als ich meinen Finger auf die Plus‐Taste der Be‐ schleunigungsschaltung drückte. Die erste der im Wege stehenden Statuen barst beim Aufprall des stählernen Monstrums auseinander, und ihre Trümmer flogen beiseite. * Unaufhaltsam rollte der Panzer weiter. Sein Bug schleuderte Statuen bei‐ seite, seine Gleisketten zermalmten Trümmer. Es schmerzte mich, Leben vernichten zu müssen, auch wenn der Zustand, in dem sich diese Kreatu‐ ren befanden, kaum als Leben zu bezeichnen war. Ich fragte mich, warum Vrentizianex diese Entwicklung nicht vorausge‐ sehen und entsprechend gehandelt hatte. Er hätte verhindern können, daß seine Sammlung – oder wie immer er die zu Statuen erstarrten Kreaturen nannte – dezimiert wurde. Statt dessen hatte er ihre teilweise Zerstörung geradezu herausgefordert. Die beiden wiedererweckten Kreaturen trafen keine Anstalten, dem stäh‐ lernen Ungetüm auszuweichen. Im Gegenteil, sie bewegten sich weiter auf den Panzer zu. Vernichte sie, bevor sie den Panzer erreichen! warnte mich mein Extrasinn. Vielleicht haben sie in belebtem Zustand Möglichkeiten, das Fahrzeug wirksam anzugreifen. Ich sah ein, daß eine solche Möglichkeit bestand, auch wenn sie mir un‐ wahrscheinlich vorkam. Aber ich durfte kein Risiko eingehen, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Ich mußte überleben, um das Schiff der Maahks und mit ihm das technische Erbe der Varganen zerstören zu können. Widerwillig betätigte ich die Waffenschaltungen. Die positronisch ge‐ steuerte vollautomatische Zieleinrichtung erfaßte die beiden Kreaturen und
richtete die Geschütze auf sie. Ich brauchte nur noch den Feuerknopf zu drücken. Beide Turmgeschütze schickten ihre todbringende Energie los. Ein arm‐ starker Impulsstrahl erfaßte das eine Wesen und löschte es förmlich aus. Das andere Wesen wurde vom Strahl des Desintegratorgeschützes ge‐ troffen. Ich erwartete, daß es sich in eine Gaswolke verwandelte. Doch nichts dergleichen geschah. Fast völlig eingehüllt von dem grünlich leuchtenden Strahlenkegel, be‐ wegte es sich mit unverminderter Geschwindigkeit auf den Panzer zu. Das konnte es doch gar nicht geben! Trotz meines Erschreckens reagierte ich mit der Routine eines Mannes, dem so gut wie alle Gefechtssituationen vertraut waren. Ich drückte die Minus‐Taste der Beschleunigungsschaltung. Der Panzer kam ruckartig zum Stehen, dann wirbelte er Trümmer und Staub auf, als die Gleisketten sich in umgekehrter Richtung bewegten und das Fahrzeug zurückrissen. Dadurch konnte ich verhindern, daß die überlebende Kreatur in den to‐ ten Winkel der Turmgeschütze geriet – und ich gewann Zeit, um die Ziel‐ einrichtung zu veranlassen, das Impulsgeschütz auf den Gegner zu richten. Auf dem vorderen Bildschirm beobachtete ich, wie der sonnenhelle E‐ nergiestrahl dort einschlug, wo die Kreatur eben noch gewesen war. Aber er brannte nur einen Krater in den Boden, denn die Kreatur war verschwunden. Sie mußte sich versteckt haben, obwohl ich ihr die Schnelligkeit, mit der das geschehen war, niemals zugetraut hätte. Wieder reagierte ich beinahe automatisch auf die veränderte Situation. Ich stellte beide Geschütze auf Dauerfeuer und ließ den Turm so weit nach links und rechts herumschwenken, daß die Energiestrahlen auf jeden Fall auch das Versteck der Kreatur erfassen mußten. Vor dem Panzer brach die Hölle aus. Als ich den Finger vom Feuerknopf nahm, brodelte und kochte vor mir ein Lavameer, in dem sich nichts regte. Von der Kreatur war nichts zu se‐ hen. Sie konnte dieses Inferno nicht überlebt haben. Dennoch wartete ich noch eine Weile, bis die Oberfläche des Lavameers erstarrt war. Dann schaltete ich wieder auf positive Beschleunigung und hielt den Finger so lange auf dem entsprechenden Knopf, bis der Panzer mit voller Beschleunigung durch die Überreste der Statuen raste.
Vor mir tauchte die andere Wand der Halle auf – und auch in ihr befand sich wieder ein offenes Tor. Ich hatte das Gefühl, daß alles zu leicht für mich gewesen war, deshalb bremste ich den Panzer vor dem Tor so weit ab, daß er nur mit mäßiger Geschwindigkeit durch die Öffnung rollte. Auf den Bildschirmen erschien das Gesicht einer weiteren Halle. Aber diesmal entdeckte ich in ihr weder Kristalle noch Statuen, sondern nur eine verwirrende Vielfalt unbekannter Pflanzen, die einen üppigen Dschungel bildeten. Ich hielt das Fahrzeug an, musterte die neue Umgebung und überlegte, wie ich vorgehen sollte. Im Grunde genommen wußte ich aber, daß es gar keine andere Möglich‐ keit für mich gab, als mit den Geschützen eine Gasse durch den Dschungel zu brennen. Er war zu dicht, als daß ich ihn zu Fuß hätte durchqueren können, und ich wollte auch nicht riskieren, daß sich so viele Schlingpflan‐ zen im Rollenlaufwerk und in den Gleisketten verfingen, daß sie sie blo‐ ckierten. Wieder betätigte ich die Waffenschaltungen. Da es diesmal kein fest um‐ rissenes Einzelziel gab, war die vollautomatische Zieleinrichtung un‐ brauchbar und ich mußte die Geschütze mit Hilfe der Servosteuerung selbst ausrichten. Doch als ich die entsprechenden Tasten drückte, geschah überhaupt nichts. Weder der Turm noch die Geschütze bewegten sich. Während ich noch überlegte, ob es bei den Panzern der Maahks vielleicht eine Zusatzschaltung gab, mit der man die Servosteuerung der Geschütze zuerst aktivieren mußte, erstarb das Rumoren des Antriebs mit einem Laut, der wie das Röcheln eines sterbenden Sauriers klang. Ich suchte und fand die Taste, mit der sich die Reparaturschaltung akti‐ vieren ließ. Wie bei unseren arkonidischen Geräten, so verfügten auch die maahkschen Geräte über Einrichtungen, die unter positronischer Steue‐ rung zahlreiche Schäden beheben konnten, die an irgendwelchen Systemen auftraten. Das Kontrollauge der Reparaturschaltung leuchtete auf, aber schon nach kurzer Zeit flackerte es mehrmals und erlosch dann ganz, was nur bedeu‐ ten konnte, daß die Reparaturschaltung selbst wegen eines Defekts ausge‐ fallen war.
Als ich auf den Feuerknopf drückte, geschah es eigentlich nur noch des‐ halb, weil ich die Bestätigung dafür haben wollte, daß nacheinander alle Systeme des Panzers ausgefallen waren. Und ich erhielt die Bestätigung. Keines der beiden Geschütze strahlte auch nur ein Minimum an Energie ab. Ich unterdrückte die aufsteigende Panik und versuchte, ruhig zu überle‐ gen. So viele Ausfälle konnte es an einem technisch derart hochwertigen Gerät wie einem Panzer gar nicht geben. Die Wahrscheinlichkeit dafür war prak‐ tisch gleich Null. Es sei denn, äußere Einflüsse waren für die Ausfälle verantwortlich. Davon aber hätte ich etwas merken müssen. Plötzlich gab es einen Ruck. Danach lag der Panzer schief. Er hing nach links über. Ich musterte auf den Bildschirmen das Gelände vor dem Dschungel. A‐ ber dort gab es keinen Sumpf, in den die linke Gleiskette vielleicht gesun‐ ken sein könnte. Im Gegenteil, der Boden bestand aus solidem Fels. Merkst du noch immer nicht, daß etwas sich an dem Panzer zu schaffen macht? meldete sich der Logiksektor meines Extrahirns. Etwas ist in das Fahrzeug eingedrungen und zerfrißt es förmlich. Unwillkürlich dachte ich an die Kreatur, die sich als unempfindlich ge‐ gen Desintegratorbeschuß erwiesen hatte und dann spurlos verschwunden war. Ein Lebewesen, das dem Beschuß aus einem schweren Desintegratorge‐ schütz standhielt, verfügte zweifellos über außergewöhnliche Fähigkeiten. Warum sollte eine dieser Fähigkeiten nicht darin bestehen, eine Wand aus Stahlplastik zu durchdringen und einen Panzer von innen heraus aufzu‐ fressen? Noch während ich darüber nachdachte, wurden die Bildschirme dunkel. Ich entschloß mich, das Fahrzeug zu verlassen, denn es war nicht nur nutzlos geworden, sondern machte mich auch blind, solange ich mich in seinem Innern aufhielt. Was mich draußen erwartete, wußte ich nicht. Blieb ich aber in dem Pan‐ zer, dann wurde ich vielleicht ebenso wie er schließlich von der unheimli‐ chen Kreatur aufgefressen.
Ich entriegelte den Lukendeckel und kletterte hinaus. Als ich auf dem Felsboden stand, ging ich einmal um das Fahrzeug herum. Dabei sah ich, daß sich die linke Gleiskette zu einem Drittel in eine von Schaum durch‐ setzte gelbe Gallertmasse verwandelt hatte. Und dieser Zersetzungsprozeß ging weiter und erfaßte immer mehr von dem Fahrzeug. Ich entfernte mich einige Schritte von dem Panzer, denn in seiner unmit‐ telbaren Nähe fühlte ich mich unbehaglich. Danach blickte ich wieder zu dem Dschungel hinüber. Wäre mein varganischer Schutzanzug noch vollständig gewesen, wäre ich natürlich einfach über den Dschungel geflogen. Aber die Maahks hat‐ ten, bevor sie mir den Anzug zurückgaben, dafür gesorgt, daß ich nicht mit ihm davonfliegen konnte. Das Antigravaggregat ließ sich gerade noch da‐ zu gebrauchen, die hohe Schwerkraft an Bord eines maahkschen Raum‐ schiffs auf Werte zu reduzieren, die für einen Arkoniden erträglich waren. Unter den normalen Schwerkraftbedingungen, wie sie auf diesem Planeten herrschten, hätte ich einige hohe und weite Luftsprünge vollführen kön‐ nen, mehr aber nicht. Ich durfte es selbstverständlich nicht riskieren, etwa zehn Meter weit ü‐ ber den Rand des Dschungels zu springen und an einem Platz zu landen, den ich mir nicht aussuchen konnte. Vielleicht landete ich dann genau auf einer Giftpflanze oder in der Falle einer fleischfressenden Pflanze. Ich konnte den Dschungel auch nirgends umgehen. Er reichte bis an die glatte Wandung der Halle. Wenigstens aber spendete eine an der Decke schwebende Kunstsonne so reichlich Licht, daß ich auch am Grunde des Dschungels ohne meine Lampe auskommen würde. Entschlossen ging ich auf den Dschungel zu. * Es war still, unheimlich still. Wider Erwarten kam ich recht gut vorwärts. Es schien, als wären die Gewächse des Dschungels mir wohlgesinnt. Das mag versponnen klingen, aber ich wußte, daß pflanzliche Lebewesen nicht nur fühlen, sondern auch die Gehirnströme anderer Lebewesen erfas‐ sen und deren Gefühle erkennen konnten. Eine Pflanze spürte, ob jemand,
der sich ihr näherte, das in guter oder – für sie – böser Absicht tat, und eine Pflanze konnte im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten entsprechend reagieren. Da ich mich, unbewaffnet wie ich war, notgedrungen sehr behutsam durch das Pflanzengewirr arbeiten mußte, reagierten die Pflanzen mögli‐ cherweise so darauf, daß sie ihren Widerstand verringerten und sich mühe‐ los beiseite schieben ließen. Allerdings ließ ich mich nicht dazu verleiten, meine Wachsamkeit zu ver‐ ringern. Wenn ich eine Pflanze sah, deren Anblick durch Farbenpracht oder Gestalt besonders anziehend war, wich ich ihr geflissentlich aus. Ich hatte keine Lust, den Verlockungen fleischfressender Pflanzen zu erliegen, denn wenn eine Pflanze auf Fleisch als Nahrung angewiesen war, konnte sie auf meine Behutsamkeit oder positiven Gefühle ebenso wenig Rück‐ sicht nehmen wie wir Arkoniden auf die Sanftmut unserer Schlachttiere. Auf diese Weise erreichte ich ungefähr die Mitte des Dschungels, als ich eine Stimme hörte, die mich zur Reglosigkeit erstarren ließ. Es war die Stimme vom Vrentizianex, und sie sagte, von einem Lautspre‐ cher verstärkt: »Du bist verloren, Arkonide, auch wenn du versuchst, die Pflanzen auf deine Seite zu ziehen!« Unwillkürlich mußte ich lächeln. Der Kyriliane‐Seher hatte also gehofft, ich würde mich im Pflanzenge‐ wirr des Dschungels verfangen, indem ich die Pflanzen durch meine nega‐ tiven Gefühle zum Widerstand reizte. Inzwischen mußte er erkannt haben, daß er sich geirrt hatte, und ich konnte mir gut vorstellen, daß ihn das in Wut versetzte. »Wir müssen uns nicht bekämpfen, Vrentizianex!« rief ich zurück. »Die Maahks sind sowohl deine als auch meine Gegner. Wenn wir uns verbün‐ den, haben wir vielleicht beide noch eine Chance, wenn nicht, werden die Maahks uns früher oder später beide fangen oder töten.« Der Seher lachte höhnisch. »Die Maahks sind von meinen Kyr‐a‐thon‐Kristallen eingefangen wor‐ den. Ihr Geist wird sich solange in imaginären Welten bewegen, bis ihre Körper tot sind.« »Du hast nur wenige Maahks fangen können«, entgegnete ich. »Die an‐ deren Maahks werden bald Mittel und Wege finden, mit deinen Kristallen
fertig zu werden. Du irrst dich, wenn du meinst, sie so einfach besiegen zu können. Warum orientierst du dich nicht an den Realitäten?« Das kann er nicht, weil sein Geist verwirrt ist! teilte mir mein Logiksektor mit. Ich wußte es, aber ich mußte trotzdem versuchen, mich irgendwie mit Vrentizianex zu verständigen. Wenn wir uns bekämpften, zogen nur die Maahks Vorteile daraus. »Ich werde zuerst dich vernichten und dann die Maahks!« schrie der Se‐ her mit überschnappender Stimme. »Niemand kann mich, den Kyriliane‐ Seher, besiegen!« Ich seufzte. Der Geist von Vrentizianex war durch die lange Verbannung auf diesen Planeten zu sehr verwirrt worden. Der Mann konnte zwischen Einbildung und Realität nicht mehr unterscheiden, sonst hätte er erkannt, daß sich eine derart geschulte und erfahrene Kampftruppe wie die Besatzung eines Maahkraumschiffs nicht von ein paar hypnotischen Kristallen aufhalten ließ – jedenfalls nicht auf die Dauer. »Dann versuche, mich zu besiegen, du alter Narr!« rief ich. Ein Wutschrei ertönte, dann hörte ich die Entladung einer Energiewaffe. Aber der Schuß hatte offenbar nicht mir gegolten, denn ich sah nicht einmal ein schwaches Aufblitzen. Wahrscheinlich versuchte der Seher, sich eine Gasse in den Dschungel zu brennen, um mich zu stellen und zu er‐ schießen. Ich wandte mich nach links und glitt geschmeidig durch das nachgiebige Gewirr der zahllosen unterschiedlichen Pflanzen. Wenn es mir gelang, Vrentizianex in großem Bogen zu umgehen und dorthin zu gelangen, wo‐ her er gekommen war, hatte ich schon viel gewonnen. Wieder hörte ich die Entladung einer Energiewaffe. Ich mußte einer rie‐ sigen Pflanze ausweichen, die in allen Farben des Spektrums schillerte. Dabei merkte ich, daß die anderen Pflanzen mir zu helfen versuchten. Ihr Widerstand hatte sich in Richtung auf die buntschillernde Pflanze erhöht. Es war, als versteiften sich die sonst biegsamen Zweige und Lianen, um mich von dem gefährlichen Weg abzubringen. Plötzlich erstarrte ich mitten in der Bewegung. Ein anhaltendes dumpfes Donnern und Tosen erschütterte die Luft. Ich spürte, wie die Pflanzen, die ich berührte, schwach vibrierten, als zitterten
sie vor einer drohenden Gefahr. Und ich wußte, daß das Gespür der Pflanzen sie nicht trog, denn das Donnern und Tosen kam von den Entladungen zahlreicher starker Ener‐ giewaffen. Die Maahks hatten demnach die Kristallhöhle und ihre Gefahren über‐ wunden und drangen tiefer in die Hohlräume des Sehers ein. Dabei zer‐ störten sie vorsichtshalber alles, was ihnen irgendwie verdächtig erschien. Ungeachtet der Gefahr, daß Vrentizianex dadurch meinen neuen Stand‐ ort erkennen mußte, rief ich: »Das sind die Maahks, die du vernichten wolltest, Seher! Wenn wir jetzt nicht zusammenarbeiten, sind wir beide verloren. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.« Diesmal antwortete mir der Seher gar nicht erst. Er gab einen neuen Strahlschuß ab. Wenige Augenblicke später stieß er einen schrillen Schrei aus. Ich konnte nur ahnen, was mit ihm geschehen war. Wahrscheinlich war er von einigen Pflanzen gefangen worden. Wie sie das bewerkstelligt hat‐ ten, konnte ich mir allerdings nur in meiner Phantasie ausmalen. Vielleicht hatten sie einer beweglichen Fangpflanze geholfen, an ihn heranzukom‐ men. Vielleicht aber war er auch nur durch sein eigenes Ungestüm zu nahe an eine gefährliche Pflanze geraten. Ich überlegte, ob ich ihm helfen konnte. Denk jetzt nicht an andere, sondern nur an dich selbst! raunte mein Extrasinn mir zu. Die Maahks können jeden Augenblick hier auf tauchen. Eine neue Energieentladung aus Vrentizianex’ Richtung bewies mir, daß der Seher sich schon selbst geholfen hatte. Deshalb zögerte ich nicht länger, sondern arbeitete mich in Richtung auf die gegenüberliegende Seite der Dschungelhalle vor. Aber es war zu spät. Als ich das Dröhnen schwerer Triebwerke hörte, wußte ich, daß die Maahks in die Dschungelhalle eingedrungen waren. Wahrscheinlich wür‐ den sie den Dschungel mit ihren Energiewaffen niederbrennen und dabei sowohl den Seher als auch mich töten. Dennoch konnte ich meinen Wissensdurst nicht bezähmen. Ich kletterte auf einen seltsam geformten Baum, um mir einen Überblick zu verschaffen. Mindestens zwanzig Flugpanzer der Maahks kreisten über dem Dschun‐
gel. Aber noch hatten sie das Feuer nicht eröffnet. Da zuckte eine sonnenhelle Energiebahn aus einem anderen Teil des Dschungels empor, traf einen der Flugpanzer und beschädigte ihn schwer. Das Fahrzeug schmierte ab und landete krachend im Dschungel. Die übrigen Flugpanzer formierten sich zum Angriff. Aber seltsamerwei‐ se feuerten sie nicht auf die Stelle, von der aus Vrentizianex geschossen hatte. Doch darin hatte ich mich geirrt. Ich erkannte meinen Irrtum, als zahlreiche Maahks mit Hilfe von Flugge‐ räten aus ihren Fahrzeugen sprangen und im Dschungel landeten, ohne daß sie von dem Seher beschossen wurden. Das konnte nur bedeuten, daß sie Vrentizianex mit Narkosewaffen be‐ täubt hatten. Wenig später sah ich, daß zwei Maahks den Seher gepackt hatten und mit ihm zu einem der schwebenden Panzer flogen. Aber meine Hoffnung, daß der Fall damit für mich ausgestanden sei und ich nur noch den Abzug der Maahks abzuwarten brauchte, erfüllte sich nicht. Aus einem starken Lautsprecher ertönte eine von einem Translator über‐ setzte Stimme. »Hier spricht Grek‐1!« sagte sie. »Ich denke, daß Sie sich ebenfalls in die‐ sem Dschungel verkrochen haben, Arkonide. Da ich daran interessiert bin, Ihr Leben zu erhalten, gebe ich Ihnen eine Frist von zwei Minuten. Haben Sie sich bis dahin nicht zu erkennen gegeben, lasse ich den gesamten Dschungel verbrennen. Sie würden dabei umkommen, hätten also nichts gewonnen. Die Zeit läuft ab jetzt, Arkonide.« Ich zermarterte mir mein Hirn, aber ich wußte auch so, daß ich verloren hatte. Grek‐1 hatte recht, wenn er sagte, daß ich nichts gewinnen würde, wenn ich mich töten ließ. Dann konnte ich den Maahks zwar nichts mehr nützen, aber auch nicht schaden. Resigniert richtete ich mich auf dem Baumwipfel auf und winkte. Kurz darauf erschienen zwei Maahks, ergriffen mich und flogen mit mir zum Führungspanzer. Während man mich wie Frachtgut festband, sah ich, daß drei Panzer, die irgendwann vorher gelandet waren, wieder starteten. Ich konnte mir den‐ ken, was das zu bedeuten hatte. Doch ich sagte nichts, weil ich wußte, daß
ich mit meinen Argumenten bei einem Maahk niemals durchgekommen wäre. Außerdem fand ich keine Zeit dazu, denn »mein« Flugpanzer drehte ab, sobald ich festgebunden war. Er flog durch die nunmehr vollständig ver‐ wüstete Statuenhalle zurück. Als wir die Kristallhöhle erreichten, sah ich, daß die Kristalle blind wa‐ ren. Sie wirkten wie beschlagen. Ich vermutete, daß die Maahks, als sie erst einmal erkannten, daß die Kristalle eine hypnotische Wirkung auf sie aus‐ übten, die Halle mit einem Gas gefüllt hatten, das die Kristalle abstumpfte und ihnen dadurch ihre Wirkung nahm. Sie waren eben nicht nur tapfere, sondern auch intelligente Kämpfer, die‐ se Maahks. * Zu meiner Verwunderung brachte man mich nicht sofort ins Raumschiff zurück, sondern auf eine einigermaßen ebene Geröllfläche, die von starken Scheinwerfern in helles Licht getaucht wurde. Als ich losgebunden und auf die Fläche gestoßen wurde, sah ich, daß ne‐ ben dem bewußtlosen Vrentizianex einige tote Sklaven auf dem Geröll lagen, das von einer nur dünnen Schicht Schnee bedeckt war. Sicher fragten die Maahks sich, warum sie keine toten Arkoniden gefun‐ den hatten. Und von mir würden sie wissen wollen, wer dieses Lebewesen mit dem Schuppenhut war, das sie gefangengenommen hatten. Als ich Grek‐1 auf mich zustapfen sah, bereitete ich mich innerlich auf einige peinliche Fragen vor – und ich legte mir einige Lügen zurecht. Der Kommandant des Maahkraumschiffs kam jedoch nicht sofort zu mir, sondern ging erst zu Vrentizianex und musterte die massige Gestalt mit der bronzefarbenen Haut, dem Schuppenhut und den Krallenhänden. Be‐ sonders mußte die Maahks natürlich die Tatsache interessieren, daß ihr Gefangener statt Augen zwei große Kristalle trug. Als Grek sich mir zuwandte, glaubte ich, seine Augen vor Erregung fla‐ ckern zu sehen. War es möglich, daß der Anblick dieses seltsamen Wesens sogar einen kalten Maahk erregt hatte?
»Wer ist dieses Wesen mit den Kristallaugen?« tönte es aus dem Transla‐ tor des Maahks. »Haben die Arkoniden etwa neue Verbündete gefunden?« »Dieses Wesen ist relativ unbedeutend für uns Arkoniden«, erwiderte ich. »Wir haben es zusammen mit seinem Palast auf dieser Welt gefunden und uns mit ihm geeinigt, Teile des Palastes als Station benutzen zu dür‐ fen. Mehr weiß ich auch nicht.« »Ich glaube Ihnen nicht ganz, Arkonide«, erklärte Grek‐1. »Wo ist die ar‐ konidische Besatzung der Station? Wir haben die Trümmer untersucht, aber nur die Leichen dieser hellhäutigen kleinen Lebewesen gefunden.« »Sie müssen noch unter den Trümmern liegen, Grek‐1«, log ich. »Die hellhäutigen Wesen waren übrigens nur die Sklaven dieses Wesens.« Ich streckte die Hand aus und deutete auf Vrentizianex. »Und warum haben Sie uns nichts über die Halle mit den hypnotischen Kristallen gesagt?« forschte der Maahk weiter. »Ich wußte nichts davon«, antwortete ich wahrheitsgemäß. »Aber selbst‐ verständlich hätte ich auch dann nichts gesagt, wenn ich Bescheid gewußt hätte. Ich bedaure nur, daß mir die Flucht nicht gelungen ist.« »Sie hätten uns niemals auf die Dauer entkommen können, Arkonide«, versicherte Grek‐1, und es klang fast, als versuchte er mich zu trösten. Ich zuckte mit den Schultern. Dabei sah ich, daß Vrentizianex wieder zu sich kam. Die Kristalle in sei‐ nen Augenhöhlen funkelten. Ich ahnte, daß der Seher eine Unbesonnenheit plante, aber ich kam nicht mehr dazu, ihn zu warnen. Blitzartig schnellte Vrentizianex hoch, stemmte sich mit den Füßen ab und sprang Grek‐1 an. Der Maahk taumelte infolge der Wucht des Anpralls, dann schleuderte er den Seher von sich – und als Vrentizianex in den Schnee fiel, zog Grek‐1 seinen Impulsstrahler und drückte ab. Der Kyriliane‐Seher war augenblicklich tot. Doch mit seinen Augenkristallen geschah etwas Grauenhaftes. Sie zer‐ sprangen förmlich, und die Bruchstücke fielen weit verstreut in den Schnee. Grek‐1 schob seine Waffe ins Gürtelhalfter zurück, wandte sich wieder an mich und sagte: »Ein Lebewesen, das so unüberlegt handelt, kann keine große Bedeutung haben, Arkonide. Deshalb habe ich dieses Wesen getötet. Aber wahrschein‐
lich hätte ich sowieso seinen Tod befohlen.« Als ich nichts darauf erwiderte, fuhr er fort: »Wir bringen Sie jetzt wieder in unser Schiff und werden diesen Planeten verlassen. Vorher aber zünden wir durch Funkimpulse die atomaren Sprengsätze, die wir in den Höhlen der Station zurückgelassen haben. Es wird nichts von der Station übrigbleiben.« Auch darauf erwiderte ich nichts. Was hätte ich schon sagen sollen? Als zwei Maahks mich an den Schultern packten und in Richtung Raum‐ schiff schoben, schloß ich den Druckhelm meines Schutzanzugs. Vor mir lag eine ungewisse Zukunft, und es gab so gut wie keinen An‐ haltspunkt dafür, daß ich dieses Schiff mitsamt dem Erbe der varganischen Technik zerstören konnte. Dennoch war ich fest entschlossen, nicht aufzugeben. Sobald sich wieder eine Gelegenheit ergab, würde ich wieder handeln, denn ich hatte ein Ziel, für das ich kämpfen und mich notfalls opfern konnte. ENDE Lesen Sie nächste Woche ATLAN‐EXCLUSIV Nr. 183: Der Mutantenjäger von H. G. Francis Er wird gehetzt – eine ganze Welt ist gegen ihn. Überall im Zeitschriften‐ und Bahnhofsbuchhandel erhältlich. Preis DM 1.50.